Besserung bedeutet oft, stundenlang über die eigenen Beschwerden zu sprechen. Patienten sitzen in kleinen Behandlungsräumen, warten darauf, dass Medikamente wirken, und lassen ihre Diagnose jedes Gespräch bestimmen. Doch ein Krankenhaus erprobt einen völlig anderen Ansatz zur Behandlung psychischer Erkrankungen, bei dem der Fokus von den Beschwerden weggerichtet wird.
Vor etwa zehn Jahren ging die Psychiaterin Birgit Bundesen durch die Flure einer dänischen psychiatrischen Abteilung und fühlte sich zunehmend frustriert. Die sterile, klinische Umgebung des Psychiatrischen Zentrums Amager bot kaum Möglichkeiten zur geistigen Anregung. Viele junge Patienten taten kaum etwas anderes, als zu rauchen, Medikamente einzunehmen und mit dem Personal über ihre Symptome zu sprechen.
Die Krankheit bestimmte zunehmend ihre gesamte Identität und ließ kaum Raum für persönliche Entwicklung. Das Krankenhaus bot zwar Bewegungsangebote an, aber nur wenige Aktivitäten, die den Geist anregten oder die Patienten geistig forderten.
Bundesen empfand diese Situation als Verschwendung wertvoller Ressourcen. „Ich hielt es für eine Ressourcenverschwendung, dass sie nur in ihren Zimmern saßen und über ihre Krankheit nachdachten“, sagte sie gegenüber dem Wissenschaftsportal Videnskab.
Sie wollte diese bedrückende Situation verändern und den Kreislauf des ständigen Grübelns durchbrechen. Deshalb brachte sie einige alte Puzzles auf die Station und wandte sich schließlich der Literatur zu, um neue Impulse zu setzen. Sie suchte nach einer Möglichkeit, die psychische Gesundheit der Patienten zu fördern, ohne ausschließlich auf Medikamente und Diagnosen zu setzen.
Stift und Papier
Im Jahr 2017 führte die Psychiaterin ein neues Konzept mit Schreibworkshops ein, um ihre Idee zu erproben. Sie holte einen erfahrenen Schriftsteller hinzu, der die Schreibübungen leitete, während ein Therapeut bereitstand, um die Teilnehmer bei Bedarf zu unterstützen.
Die Grundregeln sind überraschend klar und werden konsequent eingehalten. Eine Schreibaufgabe kann die Teilnehmer beispielsweise dazu auffordern, ihr Kinderzimmer anhand verschiedener Sinneseindrücke zu beschreiben, ohne dabei persönliche Traumata oder klinische Diagnosen zu thematisieren.
Im Mittelpunkt stehen Wortwahl, Satzbau und literarische Stilmittel. Durch diese klaren Vorgaben sollen die Teilnehmer ihre Fantasie einsetzen und ihre Aufmerksamkeit auf das kreative Schreiben statt auf den gewohnten Behandlungsalltag richten.
Die Veränderung zeigt sich häufig schon nach kurzer Zeit. Menschen, die normalerweise unter ausgeprägter Antriebslosigkeit leiden und Schwierigkeiten haben, ihren Tag zu beginnen, zeigen plötzlich großes Engagement und möchten ihre Texte den anderen Teilnehmern vorlesen.
Vom Patienten zum Autor
Für einige Stunden sind die Teilnehmer Schriftsteller statt Patienten und können ihre Diagnosen in den Hintergrund treten lassen. Sie erleben eine lebendige Gemeinschaft, die auf Kreativität und gegenseitigem Austausch über Texte beruht, statt sich ausschließlich um gemeinsames Leid und Gruppentherapie zu drehen.
Diese klinischen Beobachtungen bildeten den Ausgangspunkt für ein umfangreiches Forschungsprojekt, das vom neu gegründeten Zentrum für Kunst und psychische Gesundheit unterstützt wird. Bundesen leitet inzwischen das Forschungsprojekt Rewritalize, das untersucht, ob kreatives Schreiben messbare Verbesserungen der psychischen Gesundheit bewirken kann.
Eine kleinere Pilotstudie aus dem Jahr 2024 mit Schizophreniepatienten lieferte vielversprechende Ergebnisse. Die klinischen Symptome der Teilnehmer gingen im Laufe der Zeit deutlich zurück, darunter auch sogenannte Negativsymptome wie sozialer Rückzug und verminderter Gefühlsausdruck. Gleichzeitig verbesserte sich ihr Selbstwertgefühl.
Warten auf wissenschaftliche Belege
Allerdings benötigen die Forscher noch belastbarere wissenschaftliche Belege, die einer fachlichen Überprüfung standhalten, bevor kreatives Schreiben zu einem etablierten Bestandteil der psychiatrischen Behandlung werden kann. Um diese zu gewinnen, untersuchten sie kürzlich 336 Patienten an sechs psychiatrischen Zentren in Dänemark im Rahmen einer umfangreichen randomisierten, kontrollierten Studie. Die Teilnehmer wurden auf Gruppen mit kreativen Schreibübungen und eine Kontrollgruppe mit regulärer Versorgung aufgeteilt.
Die Ergebnisse werden derzeit ausgewertet. „Wir werten die Daten gerade aus, daher ist es spannend, welche Ergebnisse wir erzielen werden“, sagte Bundesen im Wissenschaftspodcast Brainstorm.
Das lange Warten auf konkrete Forschungsergebnisse nähert sich seinem Ende. Die endgültigen Zahlen könnten beeinflussen, wie ähnliche Angebote künftig in Krankenhäusern eingesetzt und finanziert werden. Bis dahin treffen sich die Schreibgruppen weiterhin jede Woche an verschiedenen Standorten in Dänemark.
Ein einfaches Notizbuch und einige klare kreative Vorgaben könnten den Patienten dabei helfen, wieder mehr Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Wie wirksam dieser Ansatz tatsächlich ist, müssen die endgültigen Forschungsergebnisse jedoch erst zeigen.