Die technologischen Fortschritte haben vieles verändert – doch ist das eher zum Vorteil der Regime oder der Oppositionen?
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Der Aufstieg der Smartphones hat das Verhältnis zwischen Bürgern und Macht grundlegend verändert und neue Möglichkeiten sowohl für Widerstand als auch für Repression geschaffen.
Für autoritäre Regime hat sich das Gerät in nahezu jeder Tasche als zweischneidiges Schwert erwiesen: Es kann Dissens in bislang ungekanntem Tempo verstärken, zugleich aber auch als mächtiges Instrument der Überwachung, Kontrolle und Steuerung von Narrativen dienen.
Ob Smartphones Unterdrückung schwieriger oder einfacher gemacht haben, hängt weniger von der Technologie selbst ab als davon, wie Regime sich an sie anpassen.
Kollektives Handeln in unseren Taschen
Auf Seiten des Widerstands haben Smartphones die Hürden für kollektives Handeln zweifellos gesenkt. Sie ermöglichen schnelle Kommunikation, Koordination und Dokumentation.
Demonstrierende können über verschlüsselte Messenger-Apps spontane Proteste organisieren, Live-Updates über Polizeibewegungen teilen und innerhalb von Minuten internationale Aufmerksamkeit mobilisieren.
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Mit Smartphones aufgenommene Bilder und Videos haben Missstände offengelegt, die früher verborgen geblieben wären – von Polizeigewalt bis hin zu Wahlbetrug.
Ein aktuelles Beispiel dafür ist, dass das iranische Regime infolge der Massenproteste das Internet abgeschaltet hat, während dennoch Aufnahmen mutmaßlich getöteter Demonstrierender und gewaltsamer Niederschlagungen außer Landes geschmuggelt wurden und nun online zirkulieren.
Laut einem Bericht des International Press Institute aus dem Jahr 2011 spielten Smartphones während des Arabischen Frühlings eine wichtige Rolle, indem sie das globale Bewusstsein prägten und die Moral im Inland stärkten. Die Fähigkeit, Zeugnis abzulegen, ist zu einer Form von Macht an sich geworden.
Kein Monopol auf Wahrheit mehr
Smartphones schwächen zudem staatliche Informationsmonopole. Selbst in stark zensierten Umgebungen finden Bürgerinnen und Bürger häufig Wege, auf ausländische Nachrichten zuzugreifen, alternative Narrative zu verbreiten oder Humor und codierte Sprache zu nutzen, um Filter zu umgehen.
Die schiere Menge nutzergenerierter Inhalte kann traditionelle Zensurmethoden überfordern und zwingt Regime in eine reaktive Rolle. In diesem Sinne haben Smartphones offene Unterdrückung sichtbarer und politisch kostspieliger gemacht – insbesondere für Regierungen, die auf internationaler Ebene um Legitimität bemüht sind.
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In mehreren Fällen haben von russischen Bürgerinnen und Bürgern in sozialen Medien geteilte Videos offiziellen Darstellungen von Ereignissen während des Krieges in der Ukraine widersprochen.
Ein Werkzeug für Massenüberwachung
Doch autoritäre Regime haben schnell gelernt. Weit davon entfernt, passive Opfer des technologischen Wandels zu sein, haben viele Smartphones in ausgefeilte Kontrollsysteme integriert.
Im Laufe der Jahre haben sich die Überwachungskapazitäten drastisch ausgeweitet. Smartphones erzeugen enorme Datenmengen – Standortdaten, Kontakte, Nachrichten, biometrische Identifikatoren –, die direkt oder indirekt abgeschöpft werden können.
Durch verpflichtende Apps, die Zusammenarbeit mit Telekommunikationsanbietern oder die Ausnutzung von Sicherheitslücken können Staaten Individuen in Echtzeit verfolgen und ganze soziale Netzwerke kartieren. Was früher Informanten und physische Beobachtung erforderte, lässt sich heute automatisieren und skalieren.
Abschaltungen, Trolle und App-Stores
Die Kontrolle über das digitale Ökosystem ist ebenfalls zu einer zentralen Strategie geworden. App-Stores, Betriebssysteme und Netzinfrastruktur sind Engpässe, die Staaten regulieren oder als Waffe einsetzen können.
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Internetsperren, Drosselungen und Plattformverbote sind grobe, aber wirksame Mittel, um Mobilisierung in kritischen Momenten zu stören.
Subtiler agieren Regime, indem sie Heerscharen von Online-Kommentatoren, Bots und Influencern einsetzen, um soziale Medien mit Propaganda zu fluten, Verwirrung zu stiften oder Oppositionsfiguren zu diskreditieren.
In solchen Umgebungen verbreiten Smartphones Informationen zwar schnell, aber nicht notwendigerweise Wahrheit.
Wenn Angst zur Kontrolle wird
Auch die psychologische Kontrolle hat sich vertieft. Ständige Konnektivität ermöglicht es Regimen, Bürgerinnen und Bürger direkt mit Warnmeldungen, patriotischen Inhalten oder impliziten Drohungen zu erreichen. Das Wissen – oder auch nur der Verdacht –, dass das eigene Smartphone überwacht wird, kann Selbstzensur fördern.
Wenn Repression gezielt und datengestützt erfolgt, statt wahllos, kann sie effizienter sein und weniger wahrscheinlich eine breite Gegenreaktion auslösen. Smartphones werden in diesem Kontext nicht nur zu Werkzeugen der Überwachung, sondern auch des Verhaltensmanagements.
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Das Gleichgewicht zwischen Ermächtigung und Kontrolle wird zusätzlich durch Ungleichheiten in digitaler Kompetenz und im Zugang geprägt.
Technisch versierte Aktivisten können Verschlüsselung, Wegwerftelefone oder Offline-Koordinationsmethoden nutzen, doch ein großer Teil der Bevölkerung kann dies nicht.
Autoritäre Staaten nutzen diese Kluft häufig aus, indem sie begrenzte digitale Freiheiten zulassen, während sie selektiv prominente Fälle bestrafen, um breiteren Widerstand abzuschrecken. Die durch Smartphones geschaffene Sichtbarkeit kann so für Demonstrierende zur Belastung werden, da Identifikation und Vergeltung nach dem Abklingen von Protesten erleichtert werden.
Gibt es also eine Antwort auf die Frage?
Letztlich haben Smartphones Unterdrückung weder kategorisch erschwert noch erleichtert; sie haben sie komplexer gemacht.
Sie beschleunigen den Kreislauf von Herausforderung und Reaktion, Innovation und Gegeninnovation. In Regimen, denen es an technischer Kapazität oder Legitimität fehlt, können Smartphones das Gleichgewicht zugunsten breiter Mobilisierung verschieben.
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In Regimen hingegen, die massiv in digitale Kontrolle investieren und anpassungsfähig sind, können dieselben Geräte die Macht tiefer verfestigen als zuvor.
Für Bürgerinnen und Bürger bleibt das Smartphone ein mächtiges, aber riskantes Werkzeug. Für autoritäre Regime ist es keine externe Bedrohung mehr, die blockiert werden muss, sondern ein internes System, das es zu beherrschen gilt.
Der Kampf um Kontrolle, Sichtbarkeit und Wahrheit spielt sich heute nicht mehr nur auf Straßen und in Institutionen ab, sondern auf den Bildschirmen, die Menschen jeden Tag bei sich tragen.
Quellen: Smartphones in the Arab Spring (2011), Yale Review of International Studies; The Tahrir Institute for Middle East Policy; Analysen zu digitalen Überwachungspraktiken veröffentlicht auf CambridgeAnalytica.org; BBC