Der georgische Parlamentspräsident hat der Europäischen Union vorgeworfen, von Tiflis faktisch zu verlangen, Russland zu sanktionieren, um die Visafreiheit zu erhalten. Die Aussagen erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem Brüssel den Druck hinsichtlich demokratischer Reformen erhöht und neue Mechanismen eingeführt hat, die die visafreie Einreise für Länder aussetzen können, denen demokratische Rückschritte vorgeworfen werden.
Der georgische Parlamentspräsident hat der Europäischen Union vorgeworfen, von Tiflis faktisch zu verlangen, Sanktionen gegen Russland zu verhängen, wenn das Land die Visafreiheit mit der EU behalten wolle.
Die Äußerungen erfolgen vor dem Hintergrund wachsender Spannungen zwischen Georgien und der Europäischen Union hinsichtlich demokratischer Standards, Reformen und der außenpolitischen Ausrichtung des Landes.
Streit um die Visafreiheit
Laut Kyiv Post behauptete der georgische Parlamentspräsident Schalwa Papuaschwili, Brüssel verknüpfe die Visafreiheit mit Georgiens Haltung gegenüber Russland.
„Man sagt uns, dass wir Sanktionen gegen Russland verhängen müssen, wenn wir die Visafreiheit behalten wollen – mit anderen Worten: Selbstmord begehen. Wenn wir uns selbst zerstören, wer wird dann noch ohne Visum in die EU reisen?“, sagte Papuaschwili.
Er behauptete außerdem, die EU übe Druck auf Georgien aus, seine Visapolitik vollständig an europäische Standards anzupassen.
Die Aussagen spiegeln die zunehmenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Tiflis und Brüssel über Georgiens Verhältnis zu Russland wider.
Neuer EU-Mechanismus
Laut Kyiv Post folgt der Streit auf die Einführung neuer EU-Regeln, die eine Aussetzung der Visafreiheit für Länder ermöglichen, denen demokratische Rückschritte vorgeworfen werden.
Der Mechanismus, der am 30. Dezember 2025 in Kraft trat, erlaubt es Brüssel zunächst, Maßnahmen gegen Inhaber diplomatischer und dienstlicher Pässe zu ergreifen, bevor die Beschränkungen möglicherweise auf alle Bürger ausgeweitet werden.
EU-Vertreter erklärten, die Maßnahme solle Partnerländer dazu anhalten, demokratische und rechtsstaatliche Standards einzuhalten.
Wachsende Spannungen
Die Beziehungen zwischen Georgien und der Europäischen Union haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert.
Laut Kyiv Post berichtete die Europäische Kommission im vergangenen November, dass Georgien bei den von EU-Beitrittskandidaten erwarteten Reformen zurückgefallen sei.
Der Bericht verwies auf Bedenken hinsichtlich der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten, des Drucks auf unabhängige Medien, des Umgangs mit LGBTQ+-Gemeinschaften, des übermäßigen Einsatzes von Polizeigewalt sowie einer zunehmend feindseligen Rhetorik gegenüber der EU.
Diese Feststellungen verschärften die Debatte über Georgiens künftige Beziehungen zu Brüssel.
Europäische Ambitionen bleiben bestehen
Nach der Bewertung der Kommission warnte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas, dass Georgiens Beitrittsprozess faktisch zum Stillstand gekommen sei und der Kandidatenstatus weitgehend symbolisch werden könnte, falls die Reformen nicht wieder aufgenommen würden.
Trotz der Kritik betonte der georgische Präsident Micheil Kawelaschwili, dass das Land seine europäischen Ambitionen weiterhin verwirklichen könne.
In einem von Kyiv Post zitierten Interview mit Deutsche Welle erklärte Kawelaschwili, er glaube, dass Georgien bis 2030 bereit für einen Beitritt zur Europäischen Union sein könne.
Quellen: Kyiv Post, Europäische Kommission, Deutsche Welle