Gerichtliche Schriftsätze werden inzwischen deutlich genauer geprüft, da sich die juristische Arbeit rasant verändert. Der Streitfall ist zu einem weiteren Test der beruflichen Verantwortung im digitalen Zeitalter geworden.
Eine Bundesrichterin in Mississippi setzte ein Zivilverfahren aus und entband vier Anwälte von dem Verfahren, nachdem Schriftsätze beider Seiten falsche juristische Verweise enthielten, die mit der Nutzung von Künstlicher Intelligenz in Verbindung standen.
Wie Reuters berichtet, disqualifizierte die US-Bezirksrichterin Sharion Aycock die Anwälte beider Parteien in einem Vertragsstreit über Anwaltsgebühren im Zusammenhang mit der Stadt Aberdeen im Bundesstaat Mississippi.
Das Gericht verhängte Geldstrafen in Höhe von insgesamt 8.000 US-Dollar. Kathleen Wilson wurde zu einer Geldstrafe von 2.500 US-Dollar verurteilt, während Kathryn Williams 3.500 US-Dollar zahlen muss. Beide dürfen zudem für zwei Jahre nicht mehr vor dem Northern District of Mississippi als Anwältinnen auftreten.
Zwei örtliche Anwälte, Shauncey Hunter Ridgeway und Mark McClinton, wurden jeweils mit 1.000 US-Dollar bestraft und aus dem Verfahren ausgeschlossen. Ihnen wurde nicht vorgeworfen, das beanstandete Material selbst verfasst zu haben. Das Gericht befand jedoch, dass sie Schriftsätze, die unter ihrem Namen eingereicht wurden, nicht ausreichend geprüft hatten.
Gefälschte Verweise entdeckt
Business Insider berichtete, dass Wilson eingeräumt habe, KI für juristische Recherchen genutzt zu haben, während Williams zugab, generative KI zur Erstellung eines Schriftsatzes verwendet zu haben.
Richterin Aycock stellte fest, dass keine der beiden Anwältinnen die angeführten Rechtsquellen überprüft hatte, bevor die Dokumente eingereicht wurden.
Die Klage wurde von dem Anwalt Tom Withers III aus Louisiana eingereicht, der nach Angaben der New York Times behauptete, Aberdeen schulde ihm noch ausstehende Anwaltsgebühren im Zusammenhang mit einem Solarenergieprojekt. Withers gehörte nicht zu den sanktionierten Personen.
„Dieser Fall stellt das Gericht vor ein ungewöhnliches Szenario – Anwälte beider Parteien haben ein vergleichbares sanktionswürdiges Verhalten an den Tag gelegt“, schrieb Aycock.
Warum der Fehler schwerwiegend war
Gefälschte Verweise sind vor Gericht besonders problematisch, weil Richter und Gegenparteien auf die angeführten Rechtsquellen vertrauen, um tatsächliche Streitfälle zu entscheiden.
Wenn ein zitiertes Urteil gar nicht existiert, kann dies das juristische Verfahren verzerren und wertvolle Zeit des Gerichts verschwenden.
Der Fall warf zudem Fragen im Zusammenhang mit Rule 11 auf. Diese Vorschrift verpflichtet Anwälte zu bestätigen, dass ihre Schriftsätze auf einer ausreichenden rechtlichen und tatsächlichen Grundlage beruhen. In der Praxis bedeutet dies, dass Anwälte die Verantwortung nicht auf Software, Assistenten oder andere Prozessvertreter abwälzen können.
Business Insider zufolge wurde die geplante Verhandlung abgesagt und das Verfahren ausgesetzt, während die Parteien nach neuer rechtlicher Vertretung suchen.
Die Entscheidung befasste sich außerdem mit der Rolle lokaler Prozessvertreter. Anwälte, die von außerhalb eines Gerichtsbezirks zugelassen werden, benötigen häufig örtliche Anwälte als örtliche Ansprechpartner. Diese Funktion geht jedoch weiterhin mit eigener Verantwortung einher.
Legal Cheek schrieb, Aycock habe den Fall als Warnung davor verstanden, lediglich als formeller Abzeichner der Arbeit eines anderen Anwalts zu fungieren.
Die Entscheidung reiht sich in eine wachsende Zahl von Fällen ein, in denen Gerichte Anwälte wegen KI-generierter Halluzinationen sanktioniert haben. Die Botschaft des Gerichts in Mississippi war eindeutig: KI kann die juristische Arbeit unterstützen, doch die Überprüfung der Angaben bleibt die Pflicht des Anwalts.
Quellen: Reuters, Business Insider, New York Times, Legal Cheek