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Am Rande der Katastrophe: Einer der führenden Denker der Welt sagt, eine nukleare Katastrophe stehe kurz bevor

The BAKER test of Operation Crossroads, July 25, 1946. Seconds after the water column rose and formed a condensation cloud, it fell back, triggering a rolling ground wave that formed a 500-foot-high wall.
Everett Collection / Shutterstock

In ganz Europa erhöhen die Regierungen ihre Verteidigungsausgaben. Ein renommierter Wissenschaftler warnt, dass die Aufrüstung eine nukleare Krise schwerer beherrschbar machen könnte.

Die Weltuntergangsuhr wurde am 27. Januar 2026 auf 85 Sekunden vor zwölf gestellt – so nah an Mitternacht wie nie zuvor seit ihrer Einführung im Jahr 1947, laut dem Bulletin of the Atomic Scientists.

Die symbolische Uhr wurde von Wissenschaftlern gegründet, die nach dem Zweiten Weltkrieg am Manhattan-Projekt gearbeitet hatten. Sie soll veranschaulichen, wie nahe die Menschheit einer globalen Katastrophe steht.

Mitternacht steht für eine Katastrophe, die das Ende der Zivilisation bedeuten würde. Die Position der Uhr wird anhand von Bedrohungen wie Atomwaffen, dem Klimawandel, biologischen Risiken und neuen technischen Entwicklungen angepasst.

Für den italienischen Physiker Carlo Rovelli, Autor des Buches 85 Seconds to Midnight, ist diese Zahl weit mehr als bloße Symbolik. Sie ist ein Maß für politisches Versagen – und eine Warnung vor den Entscheidungen, die derzeit getroffen werden.

Europa bewegt sich jedoch bereits in die entgegengesetzte Richtung. Die Nato-Staaten in Europa und Kanada erhöhten ihre Verteidigungsausgaben im Jahr 2025 laut dem Atlantic Council um 20 Prozent, während der Plan Readiness 2030 der Europäischen Kommission bis zu 800 Milliarden Euro für Verteidigungsinvestitionen mobilisieren soll.

Diese Entwicklung wird als notwendige Antwort auf Russlands Krieg gegen die Ukraine, die Unsicherheit über die langfristige Unterstützung der USA und den Druck auf Europas Rüstungsproduktion beschrieben.

Rovelli bestreitet nicht, dass Europa heute vor einer schwierigeren Sicherheitslage steht. Sein Argument lautet jedoch, dass der eingeschlagene Weg eigene Gefahren mit sich bringen könnte.

Aufrüstung kann den Handlungsspielraum einschränken

In einem Interview mit The Guardian argumentiert Rovelli, dass Russlands Atomwaffenarsenal – und nicht seine konventionelle Militärmacht – die zentrale Gefahr darstellt:

„Die Vorstellung, das russische Militär sei eine Bedrohung für Europa, ist lächerlich. Russland schafft es nicht einmal bis nach Kyjiw! Vor einigen Jahren entfielen vier Prozent der weltweiten Militärausgaben auf Russland, während die Nato auf 40 Prozent kam.“

Sein Einwand lautet nicht, dass Staaten keinen Grund zur Sorge hätten. Vielmehr könne Angst zu einer politischen Triebkraft werden. Eine Regierung baut ihr Arsenal aus und bezeichnet dies als defensive Maßnahme, während die Gegenseite denselben Schritt als Vorbereitung auf einen Angriff interpretiert.

Dieser Kreislauf ist bereits aus dem Kalten Krieg bekannt. Rovelli ist jedoch der Ansicht, dass die heutigen politischen Entscheidungsträger weniger Bereitschaft zur Zurückhaltung zeigen. Die alte Sprache der Abschreckung ist zurückgekehrt, während die diplomatischen Gewohnheiten, die einst zu ihrer Eindämmung beitrugen, schwächer geworden zu sein scheinen.

Besonders beunruhigt ihn, dass der Krieg in der Ukraine frühere Grenzen im Umgang mit Atommächten verwischt hat.

„Es ist das erste Mal, dass eine Supermacht mit Atomwaffen tatsächlich bombardiert wurde“, sagte er der Zeitung.

Es geht dabei nicht darum, ob Moskaus Vorgehen entschuldigt werden kann. Das kann es nicht. Entscheidend ist aus Rovellis Sicht vielmehr, was geschieht, wenn ein Atomstaat zu dem Schluss kommt, dass sein eigenes Staatsgebiet nicht länger durch die Drohung mit Vergeltung geschützt ist.

Wissenschaftler dürfen nicht schweigen

Rovelli sieht auch die Wissenschaft in der öffentlichen Debatte in der Pflicht. Atomwaffen sind nicht allein das Ergebnis politischer Entscheidungen. Sie wurden durch das Zusammenspiel von Physik, Ingenieurwissenschaften und staatlicher Macht überhaupt erst möglich.

Daraus ergibt sich seiner Ansicht nach eine Verantwortung, die über eine historische Randnotiz hinausgeht. Diejenigen, deren Fachgebiet zur Entwicklung von Atomwaffen beigetragen hat, hätten auch die Pflicht, zu warnen, wenn politische Entscheidungsträger mit dieser Macht zu leichtfertig umgehen.

„Wir Physiker haben dieses Ding [Atomwaffen] erschaffen. Es ist unser vergiftetes Geschenk an die Menschheit.“

Gerade diese Geschichte verleiht seiner Warnung besonderes Gewicht. Rovelli spricht nicht als Militärstratege, sondern als Vertreter eines Fachgebiets, das Regierungen die Möglichkeit verschafft hat, Städte innerhalb weniger Minuten zu zerstören.

Sein Argument betrifft auch die Verantwortung nach einer Erfindung. Ist eine Waffe einmal entwickelt worden, lässt sie sich nicht einfach ungeschehen machen. Die Öffentlichkeit kann jedoch weiterhin die Politik, die Rhetorik und die Rivalitäten hinterfragen, die ihren Einsatz vorstellbarer machen.

Für Rovelli geht es in der Debatte deshalb nicht nur um Armeen oder Verteidigungshaushalte. Es geht darum, ob politische Entscheidungsträger in einer Zeit, in der jede Krise als Machtkampf dargestellt wird, noch in der Lage sind, über nationale Stärke hinauszudenken.

Seine abschließende Frage richtet sich daher weniger an Generäle als an gewählte Politiker:

„Welcher Politiker hat den Mut zu sagen: ‚Anstatt mein eigenes Land stärker zu machen, möchte ich die Menschheit besser machen.‘“

Quellen: The Guardian, Bulletin of the Atomic Scientists, Atlantic Council, Europäische Kommission.