Eine Kernschmelze ist sichtbar – aber was, wenn der Killer unsichtbar ist?
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An einem kühlen Montag Anfang April 1979 gingen die Bewohner der sowjetischen Industriestadt Swerdlowsk – heute Jekaterinburg – ihrem gewohnten Alltag nach.
Fabrikarbeiter stempelten ein, Kinder gingen zur Schule, und Nutztiere weideten auf den umliegenden Feldern.
Was niemand sehen konnte, war eine unsichtbare Wolke, die durch die Luft trieb: mikroskopisch kleine Sporen von Bacillus anthracis, dem Bakterium, das Milzbrand verursacht. Innerhalb weniger Tage erkrankten Menschen schwer. Innerhalb weniger Wochen waren viele tot.
Dieser Vorfall sollte zu einem der berüchtigtsten biologischen Unfälle des 20. Jahrhunderts werden.
Eine tödliche Freisetzung
Der Ausbruch begann am 2. April 1979, als Sporen aus einer streng geheimen sowjetischen militärischen mikrobiologischen Einrichtung entkamen, die als Komplex 19 bekannt war und sich am südlichen Stadtrand befand.
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Die Ursache war ein defekter oder fehlender Luftfilter in einem Abluftsystem, der es trockenen Milzbrandsporen – bestimmt für die Waffenforschung – ermöglichte, in die freie Atmosphäre zu gelangen.
Vom Wind in einer schmalen Wolke getragen, breiteten sich die Sporen über mehrere Kilometer in Windrichtung aus. Jeder, der sich entlang dieser Strecke im Freien aufhielt – Fabrikarbeiter, Pendler, Landwirte –, lief Gefahr, sie einzuatmen.
Die meisten der registrierten Infektionen waren Fälle von inhalativem Milzbrand, der seltensten und tödlichsten Form der Krankheit, die die Lunge angreift und unbehandelt eine sehr hohe Sterblichkeitsrate aufweist.
Offizielle Zahlen sprechen von mindestens 68 Todesfällen, doch einige Schätzungen, darunter sowjetische und westliche Daten, gehen von einer höheren Opferzahl aus. Auch Nutztiere entlang desselben Windkorridors starben, was das Ausmaß der Kontamination verdeutlichte.
Die Vertuschung
Von Beginn an bemühten sich die sowjetischen Behörden, die Darstellung der Ereignisse zu kontrollieren. Statt einen Laborunfall einzugestehen, machten die Verantwortlichen verseuchtes Fleisch von kranken Tieren verantwortlich, das auf lokalen Märkten verkauft worden sei. Nach dieser Erklärung seien Menschen durch den Verzehr infizierten Fleisches oder durch Schnitte und Abschürfungen beim Schlachten erkrankt.
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Diese Version wurde in staatlichen Medien verbreitet und sogar auf internationalen Foren wiederholt. Gleichzeitig wurden Ärzte angewiesen, viele der Fälle als „Lungenentzündung“ oder andere Nicht-Milzbrand-Diagnosen zu klassifizieren. Der unabhängige Zugang zu Krankenakten und betroffenen Gebieten war stark eingeschränkt, was internationale Untersuchungen erheblich erschwerte.
Vorwürfe im Kalten Krieg und wissenschaftliche Untersuchungen
Westliche Geheimdienste und wissenschaftliche Kreise begegneten der sowjetischen Darstellung nahezu sofort mit Skepsis.
Winddaten, Krankheitsverläufe und die enge lineare Anordnung der Wohnorte der Opfer deuteten auf eine luftgetragene Freisetzung hin und nicht auf eine Übertragung über Lebensmittel – ein Punkt, der in späteren epidemiologischen Studien hervorgehoben wurde, welche die Wohnorte der Betroffenen entlang einer geraden Linie in Windrichtung von der Anlage kartierten.
Über Jahre hinweg sorgten politische Spannungen dafür, dass die Wahrheit im Dunkeln blieb. Die Vereinigten Staaten beschuldigten die UdSSR wiederholt, mit dem geheimen Betrieb offensiver biologischer Forschungs- und Produktionsprogramme gegen das Biowaffenübereinkommen von 1972 zu verstoßen.
Die Wahrheit kommt ans Licht
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde größere Transparenz möglich.
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1992 räumte der russische Präsident Boris Jelzin ein, dass der Ausbruch auf einen Unfall in einer militärischen Einrichtung zurückzuführen war, und widerlegte damit Jahrzehnte offizieller Leugnung.
Zur selben Zeit führte ein Team westlicher Wissenschaftler unter der Leitung des Harvard-Biologen Matthew Meselson Untersuchungen vor Ort durch, die bestätigten, dass aus dem Komplex eine Wolke aerosolisierten Milzbrands freigesetzt worden war.
Ihre Arbeiten, veröffentlicht in führenden wissenschaftlichen Fachzeitschriften, nutzten epidemiologische Daten, meteorologische Analysen und Augenzeugenberichte, um den Ausbruch zu rekonstruieren. Sie zeigten eindeutig, dass die meisten Opfer erkrankten, weil sie sich in Windrichtung der Anlage befanden – ein Befund, der mit einer lebensmittelbedingten Übertragung unvereinbar ist.
Nachhaltige Lehren
Das Milzbrand-Leck von Swerdlowsk bleibt eine eindringliche Mahnung an die Risiken biologischer Forschung, insbesondere wenn sie unter strikter Geheimhaltung betrieben wird. Es verdeutlicht, wie Laborunfälle verheerende Folgen für die öffentliche Gesundheit haben können und wie politische Interessen die Aufklärung verzögern können. Swerdlowsk wird häufig in Diskussionen über Biosicherheit, Laborsicherheit und die Herausforderungen der Verifikation in der internationalen Rüstungskontrolle angeführt.
Vielleicht der beunruhigendste Aspekt der Tragödie ist, wie gewöhnliches Leben auf außergewöhnliche Gefahr traf: Die Menschen mussten keine Regeln brechen oder mit gefährlichen Erregern umgehen, um exponiert zu werden.
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Sie befanden sich einfach am falschen Tag in Windrichtung.
Quellen: Biohazard (Buch), Stalin’s Secret Weapon (Buch), The Soviet Biological Weapons Program (Buch), Science, Bd. 266, Washington Post, PBS