Mit Russland verbundene Netzwerke nutzen Videospiele und Online-Communities zur Rekrutierung von Kämpfern, zur Verbreitung von Propaganda und zur Informationsgewinnung — und eröffnen damit eine neue Front in modernen Konflikten.
Videospiele sind längst nicht mehr nur Unterhaltung — sie werden zu Instrumenten der Einflussnahme, Rekrutierung und sogar der Kriegsführung.
Neue Berichte deuten darauf hin, dass mit Russland verbundene Netzwerke Gaming-Plattformen nutzen, um gezielt junge Spieler anzusprechen, insbesondere in Afrika und anderen Regionen.
Rekrutierung über Spiele
Seit 2022 hat Russland laut United24 Media mehr als 18.000 ausländische Staatsangehörige aus 128 Ländern über eine Mischung aus Online- und Offline-Kanälen rekrutiert, darunter soziale Medien, Messaging-Apps und Videospiele.
Die Anwerbung kann in scheinbar gewöhnlichen Spielumgebungen beginnen, etwa in Discord-Chats oder Multiplayer-Sitzungen.
In einem Fall wurden zwei junge Männer aus Südafrika während des Spielens der Militärsimulation Arma 3 rekrutiert. Ihnen wurden Geld, Staatsbürgerschaft und Bildung versprochen, bevor sie nach Russland reisten. Innerhalb weniger Wochen nach Vertragsunterzeichnung wurde einer von ihnen im Kampf in der Ukraine getötet, berichtete United24 Media.
Gaming als Propaganda
Neben direkter Rekrutierung werden Spielinhalte genutzt, um Wahrnehmungen und Narrative zu beeinflussen.
Mods für Strategiespiele wie Hearts of Iron IV — darunter Projekte wie African Dawn — stellen Russland als „Befreier“ vom Kolonialismus dar, während westliche Länder als feindliche Kräfte porträtiert werden.
Diese Narrative werden durch Influencer und Streamer verstärkt, die pro-russische Sichtweisen verbreiten und in Spielszenarien integrieren.
„Spiele sind der effektivste Weg, um mit der Jugend in Afrika zu kommunizieren“, erklärten die Entwickler eines solchen Mods.
Funktionsweise des Systems
Moderne Videospiele fungieren als soziale Ökosysteme, in denen Spieler kommunizieren, Gemeinschaften bilden und im Laufe der Zeit Vertrauen aufbauen.
Laut United24 Media ermöglicht diese Umgebung es Akteuren, Verhaltensmuster zu beobachten — nicht nur Leistungen, sondern auch Entscheidungsfindung, Risikobereitschaft und Reaktionen unter Druck.
Diese Daten können genutzt werden, um Personen zu identifizieren, die anfälliger für Einflussnahme oder Rekrutierung sein könnten.
Im Laufe der Zeit können Aufgaben innerhalb von Spielen oder Gemeinschaften komplexer werden, wodurch weniger engagierte Teilnehmer herausgefiltert und diejenigen identifiziert werden, die am ehesten bereit sind zu handeln.
Emotionale Hebelwirkung
Spiele sind aufgrund ihrer psychologischen Wirkung besonders effektiv.
Belohnungssysteme, Wettbewerb und soziale Anerkennung schaffen eine starke emotionale Bindung, insbesondere bei jüngeren Spielern.
Erfolge innerhalb eines Spiels können Selbstvertrauen aufbauen und Verhaltensweisen verstärken, wodurch es leichter wird, Einstellungen aus virtuellen Umgebungen in reale Handlungen zu übertragen.
Mit Millionen von Spielern weltweit ist die potenzielle Reichweite solcher Strategien erheblich.
Die Rolle von Influencern
Streamer und Online-Persönlichkeiten spielen eine zentrale Rolle bei der Verstärkung dieser Aktivitäten.
Ein von United24 Media hervorgehobenes Beispiel ist Grigory Korolyov, online bekannt als „GrishaPutin“, der pro-russische Narrative auf Plattformen wie Twitch und YouTube verbreitet.
Seine Inhalte umfassen Berichten zufolge auch Spendenaktionen für militärische Zwecke Russlands, bei denen Zuschauer für Nachrichten auf Waffen oder für Aufnahmen ihres Einsatzes bezahlen können.
In einigen Streams simulieren Spielszenarien zukünftige Konflikte in Europa und verstärken Narrative über die Schwäche des Westens.
Von Spielen zu realen Auswirkungen
Die Grenze zwischen virtuellen und realen Handlungen kann verschwimmen.
Indem In-Game-Aktivitäten mit realen Konsequenzen verknüpft werden, sind Teilnehmer nicht länger nur passive Beobachter.
Dies kann psychologische Hemmschwellen gegenüber Gewalt senken und ein Gefühl der Beteiligung an realen Konflikten schaffen.
Informationsgewinnung durch Spiele
Die Nutzung von Gaming-Plattformen geht über Rekrutierung und Propaganda hinaus.
Der ukrainische Sicherheitsdienst hat laut Ukrinform Fälle gemeldet, in denen mobile Spiele zur Sammlung von Geolokalisierungsdaten und Bildern kritischer Infrastruktur verwendet wurden.
Spieler, darunter auch Kinder, wurden durch Spielmechaniken dazu angeregt, Orte zu fotografieren und diese im Rahmen von Aufgaben hochzuladen.
Nach Angaben ukrainischer Behörden könnten diese Daten anschließend zur Verbesserung der Zielgenauigkeit militärischer Angriffe genutzt werden.
Eine umfassendere Strategie
Experten zufolge sind diese Aktivitäten Teil eines breiteren Trends: der „Gamifizierung“ von Kriegsführung und Einflussoperationen, wie auch Kyiv Post berichtet.
Gaming-Plattformen bieten Zugang zu großen, engagierten Zielgruppen und ermöglichen es, Narrative schrittweise über längere Zeit einzuführen.
Der Ansatz verbindet Unterhaltung, soziale Interaktion und politische Botschaften, wodurch er schwerer zu erkennen und zu bekämpfen ist.
Wachsende Risiken
Mit dem weiteren Wachstum von Gaming-Communities entstehen neue Möglichkeiten für Einflussnahme, Rekrutierung und Informationsgewinnung.
Für Regionen mit wirtschaftlichem oder sozialem Druck kann die Kombination aus finanziellen Anreizen, Identität und Narrativen besonders wirksam sein.
Was einst als harmlose Unterhaltung galt, entwickelt sich zunehmend zu einem Raum, in dem reale Konflikte beginnen.
Quellen: United24 Media, Ukrinform, Kyiv Post