Ein Kommentar hat umfassendere Fragen zu politischer Konsequenz, öffentlicher Rechenschaftspflicht und dem Umgang mit Minderheitengruppen aufgeworfen.
Der Streit über Ruslan Kutajews Äußerungen zu LGBTQ+-Personen und sogenannten „Ehrenmorden“ setzt Russlands Anti-Kreml-Opposition erneut unter Druck.
Kutajew bezeichnete LGBTQ+-Personen als „Ausgestoßene und Perverse“ und sagte, LGBTQ+-Personen aus dem Nordkaukasus sollten diesen Teil ihres Lebens privat halten, statt ihn öffentlich mit ihrer ethnischen Zugehörigkeit zu verbinden.
In einem Meinungsbeitrag für The Moscow Times schreibt Ramazan Alpaut, ein Journalist mit Schwerpunkt auf Minderheitenrechten und russischer Politik, der Fall werfe eine schwierige Frage auf: ob die menschenrechtlichen Verpflichtungen der Opposition gleichermaßen für ihre eigenen Verbündeten gelten.
Alpauts Darstellung zufolge wurde Kutajew, der die Versammlung der Völker des Kaukasus leitet, von der PACE-Plattform für den Dialog mit russischen demokratischen Kräften suspendiert. Dabei handelt es sich um eine Initiative der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, die geschaffen wurde, um mit Vertretern der russischen Opposition in Kontakt zu treten. Die Suspendierung erfolgte nach Äußerungen, die scharfe Kritik hervorriefen.
Nach Berichten des unabhängigen Moskauer Mediums sprach Kutajew über Entscheidungen, die das Leben von Frauen in Fällen betreffen, die als „Ehrenmorde“ bezeichnet werden, als Familienangelegenheiten.
Nach den Gegenreaktionen sagte er, er sei missverstanden worden, und erklärte später, niemand habe das Recht, einen anderen Menschen zu töten.
Uneinheitliche Reaktionen
Für Alpaut endet die Frage nicht bei Kutajew. In seinem Beitrag heißt es, der Kreml habe staatlich gestützte „traditionelle Werte“ genutzt, um Druck auf LGBTQ+-Personen, Frauen und ethnische Aktivisten zu rechtfertigen. Oppositionsvertreter, so argumentiert er, sollten dieselben Haltungen nicht reproduzieren.
Das Free Russia Forum erklärte in einer von Alpaut zitierten Stellungnahme, es „wendet sich konsequent gegen alle Formen von Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie, Transphobie, Frauenfeindlichkeit sowie andere Formen von Diskriminierung und Hassrede“.
Doch die Reaktion sei, so Alpauts Darstellung, nicht immer konsequent gewesen. Er verweist auf Fälle, in denen mutmaßlich antimuslimische, nationalistische oder imperiale Rhetorik prominenter liberaler Persönlichkeiten auf eine deutlich leisere Reaktion stieß.
Der Streit wird damit zu einem Test interner Standards. Alpauts Argument lautet, dass Oppositionsgruppen Vorurteile in der Politik des Kremls nicht glaubwürdig verurteilen können, während sie ähnliche Sprache übergehen, wenn sie von vertrauten oder einflussreichen Personen kommt.
Russlands Regionen
Anschließend wendet er sich der territorialen Zukunft Russlands zu und kritisiert Oppositionsvertreter, die das Recht von Regionen und Völkern innerhalb Russlands, über ihren eigenen politischen Status zu entscheiden, ablehnen oder stark einschränken.
Er verweist auf Michail Chodorkowskis berichtete Position, wonach „die Krim und der Donbas zur Ukraine gehören. Der Nordkaukasus ist Russland.“
Nach Alpauts Ansicht spiegelt diese Haltung die Bereitschaft wider, Putin herauszufordern, während Russlands derzeitige Grenzen weiterhin weitgehend als nicht hinterfragbar behandelt werden.
Der Beitrag behandelt auch Wladimir Kara-Mursas Äußerungen über ethnische Russen, Ukrainer und andere Gruppen. Alpaut schreibt, Aktivisten für die Rechte indigener Völker hätten solche Bemerkungen als Verschiebung der moralischen Verantwortung für den Krieg und als Verstärkung imperialer Annahmen verstanden.
Für Alpaut besteht der Test für die Opposition darin, ob sie nicht nur Putin ablehnen kann, sondern auch die Hierarchien und Vorurteile, die dazu beigetragen haben, seine Herrschaft zu stützen.
Quelle: The Moscow Times.