Startseite Nachrichten Russlands Cyber-„Hogwarts“ gerät nach Auftauchen von Universitätsunterlagen unter Beobachtung

Russlands Cyber-„Hogwarts“ gerät nach Auftauchen von Universitätsunterlagen unter Beobachtung

Exterior of a modern glass building at Bauman Moscow State Technical University in Moscow

Interne Unterlagen einer der führenden technischen Universitäten Russlands legen nahe, dass ausgewählte Studierende für Aufgaben im Zusammenhang mit dem Militärgeheimdienst ausgebildet wurden. Die Dokumente deuten auf ein selektives Programm hin, das Cyberunterricht mit Einsätzen bei Einheiten verband, die mit russischen Cyberoperationen in Verbindung stehen.

Eine gemeinsame Recherche von The Guardian, Der Spiegel, Le Monde, The Insider und VSquare ergab, dass interne Unterlagen der Staatlichen Technischen Universität Bauman Moskau eine wenig bekannte Abteilung 4 beschreiben, die auch als „Spezialausbildung“ bezeichnet wird.

Die von den Medien geprüften Dokumente umfassen Kursmaterialien, Prüfungsunterlagen, Arbeitsverträge von Mitarbeitenden und Angaben zu Einsatzorten von Absolventen über mehrere Jahre hinweg bis 2025.

Die Bedeutung der Unterlagen liegt nicht nur darin, dass Bauman seit Langem Verbindungen zum Militär hat. Die Recherche legt nahe, dass die Rekrutierung für Geheimdienstarbeit in einen formalen akademischen Ausbildungsgang eingebettet gewesen sein könnte.

Unterricht und Auswahl

Nach Angaben des Medienkonsortiums waren Mitarbeiter des GRU, des russischen Militärgeheimdienstes, an der Auswahl, Prüfung und Zuweisung von Studierenden beteiligt.

Ein ehemaliger hochrangiger russischer Verteidigungsbeamter beschrieb den Prozess als eine lange Rekrutierungskette:

„Manchmal wird man zuerst in der Schule rekrutiert, dann geht man an die Bauman-Universität und verpflichtet sich bei der Armee … es ist Teil eines fortlaufenden Prozesses.“

Das Medienkonsortium schreibt, dass Oberstleutnant Kirill Stupakow die Abteilung leitete und Fächer unterrichtete, die mit elektronischer Abhörtechnik und verdeckter Überwachung verbunden waren.

In den Unterlagen wird auch Viktor Netykscho genannt, ein sanktionierter Generalmajor, der die Einheit 26165 befehligte.

Westliche Behörden bringen die Einheit mit Fancy Bear in Verbindung, einer russischen Hackergruppe, der Cyberoperationen gegen Regierungen und politische Ziele vorgeworfen werden.

Die vom Konsortium geprüften Dokumente zeigen, dass die Studierenden Passwortangriffe, Software-Schwachstellen, Schadsoftware und Penetrationstests behandelten. In einer Prüfung mussten sie Berichten zufolge einen Computervirus erstellen.

Einsätze in Cybereinheiten

Die Ausbildung umfasste auch Informationskriegsführung. Fortgeschrittene Studierende sollen die Aufgabe erhalten haben, ein Video für soziale Medien zu produzieren, das „Manipulation, Druck und verdeckte Propaganda“ einsetzt.

Von den Medien zitierte Lehrmaterialien wiederholten Narrative des Kremls über die Ukraine, darunter Behauptungen, der Krieg sei „unvermeidlich“ gewesen und ukrainische Führungspersönlichkeiten seien „Nationalisten und Neonazis“.

Einige Studierende qualifizierten sich nicht. In einer Bewertung wurde ein „unzureichendes Verständnis dafür, wie ein Angriff auf ein entferntes Netzwerk durchzuführen ist“, angeführt.

Andere wurden zu Einheiten innerhalb des GRU oder mit Verbindungen zum GRU gelenkt. Die Medien berichten, dass die Unterlagen Daniil Porschin, einen leistungsstarken Bauman-Studenten und Fußballspieler – der derzeit professionell für den russischen Erstligaklub Rostow spielt –, als der Einheit 26165 zugewiesen ausweisen, die mit Fancy Bear in Verbindung gebracht wird.

Eine weitere studentische Zuweisung stand mit der Einheit 74455 in Anapa in Verbindung, die westliche Regierungen und Cybersicherheitsforscher mit Sandworm verknüpfen.

Die Bauman-Universität, Stupakow, Netykscho und Porschin reagierten nach Angaben des Konsortiums nicht auf Bitten um Stellungnahme.

Die Ergebnisse sind bedeutsam, weil sie darauf hindeuten, dass Russlands Rekrutierung für Cybergeheimdienste an formale akademische Strukturen gebunden sein könnte – und nicht nur an Militärakademien oder Einstellungen nach dem Abschluss.

Die Unterlagen legen nahe, dass das Programm weiterhin aktiv war; der jüngste in den Dateien identifizierte Jahrgang soll am Ende des akademischen Jahres 2027 seinen Abschluss machen.

Quellen: The Guardian, Der Spiegel, Le Monde, The Insider, VSquare