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Warum Russlands atomriese weitgehend von sanktionen verschont bleibt

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Aleksei Ignatov / Shutterstock.com

Während westliche Regierungen den Druck auf Moskau erhöhen, bleibt ein zentraler Sektor weiterhin auf unangenehme Weise außerhalb des Sanktionsnetzes. Russlands Atomindustrie, tief in globale Energiesysteme eingebettet, hat sich als deutlich schwieriger zu isolieren erwiesen als Öl, Gas oder Waffen.

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Diese Abhängigkeit hat politische Entscheidungsträger dazu gezwungen, schwierige Abwägungen zwischen Sicherheit, Klimazielen und geopolitischen Risiken vorzunehmen.

Europas Abhängigkeit

Nirgendwo wird dieses Dilemma deutlicher als in Europa. Fast ein Fünftel der Kernreaktoren in der EU ist sowjetischer Bauart und benötigt Brennelemente, die nur von wenigen Anbietern geliefert werden können. Dabei nimmt der russische staatliche Atomkonzern Rosatom entlang des gesamten Brennstoffkreislaufs eine dominierende Stellung ein.

Nach Angaben der Bellona Environmental Foundation stiegen die EU-Importe von russischem Nuklearbrennstoff im Jahr 2023 stark an, da Betreiber Vorräte aufbauten, bevor sie sich 2024 wieder abschwächten.

Dennoch gab der Staatenbund in den vergangenen zwei Jahren jährlich rund eine Milliarde Euro für Uran und damit verbundene Dienstleistungen von mit Rosatom verbundenen Unternehmen aus.

Brüssel hat im Rahmen seines REPowerEU-Fahrplans zugesagt, russische Energie – einschließlich der Kernenergie – schrittweise zu ersetzen. Beamte räumten jedoch ein, dass dieser Prozess technisch komplex und politisch sensibel ist, berichtet The Kyiv Independent.

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Ein globaler Schwergewicht

Berichte des Kyiv Independent verdeutlichen, warum Rosatom so schwer zu sanktionieren ist.

Der Konzern kontrolliert nahezu die Hälfte der weltweiten Urananreicherungskapazitäten und ist der führende Exporteur von Kernreaktoren, mit Dutzenden Projekten im In- und Ausland, darunter auch im Iran.

Während die Einnahmen aus dem Nuklearexport im Vergleich zu Russlands Öl- und Gaseinnahmen relativ gering sind, ist ihr strategischer Wert nach Einschätzung von Analysten deutlich höher. Nuklearprojekte binden Länder über Jahrzehnte hinweg und verschaffen Moskau Einfluss, der weit über Energiemärkte hinausreicht.

Trotz seiner zentralen Rolle im militärisch-industriellen Gefüge Russlands ist Rosatom bislang von umfassenden Blockadesanktionen der USA, der EU und Großbritanniens verschont geblieben – Staaten, die weiterhin auf russische Nuklearmaterialien angewiesen sind.

Kernenergie im Krieg

Die Risiken dieser Abhängigkeit wurden nach Russlands Invasion in der Ukraine deutlich sichtbar. Ukrainische Atomanlagen wurden bereits in den ersten Tagen des Krieges ins Visier genommen, wobei das Kernkraftwerk Saporischschja als erste in Betrieb befindliche Reaktoranlage überhaupt während eines Krieges angegriffen wurde.

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Europas größtes Kernkraftwerk steht seit 2022 unter russischer Kontrolle – eine Situation, die die Internationale Atomenergie-Organisation wiederholt als „sehr prekär“ bezeichnet hat.

Analysten warnen, dass das Schicksal von Saporischschja zu den schwierigsten Fragen in möglichen Friedensverhandlungen gehören dürfte, angesichts der langfristigen sicherheitspolitischen Folgen für den Kontinent.

Sanktionsdebatte

Fachleute argumentieren, umfassende Sanktionen gegen Rosatom gehörten zu den wirksamsten verfügbaren Instrumenten, um Druck auf den Kreml auszuüben – wären jedoch zugleich äußerst disruptiv.

„Ein umfassendes Verbot würde schnelle, kostspielige und politisch schmerzhafte Beschaffungs- und Umstellungsmaßnahmen erzwingen“, sagte George Voloshin, Experte für Sanktionspolitik.

Die USA untersagten 2024 die Einfuhr von angereichertem Uran aus Russland, erlaubten jedoch Ausnahmen bis 2028, um Versorgungsschocks zu vermeiden. Die Ukraine ist bislang das einzige Land, das seine Beziehungen zu Rosatom vollständig gekappt hat, berichtet The Kyiv Independent.

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Während sich der Krieg hinzieht, fällt Rosatoms geschützter Status zunehmend als Lücke im Sanktionsregime auf – und als potenzieller Hebel, den westliche Regierungen bislang nur zögerlich zu betätigen bereit sind.

Quellen: Kyiv Independent, Bellona Environmental Foundation, IAEA