Moderne Verbraucher suchen ständig nach Möglichkeiten, sich einen schnellen digitalen Kick zu verschaffen. Millionen Menschen verbringen Stunden damit, zu scrollen, auf Schaltflächen zu tippen und virtuelle Warenkörbe zu füllen, ohne die Absicht, auch nur einen einzigen Artikel zu kaufen. Ein ungewöhnlicher neuer Internettrend treibt dieses Bedürfnis auf die Spitze.
Immer mehr Menschen laden Apps herunter, mit denen sie rein fiktive Bestellungen für Essen und Luxusgüter aufgeben können. Plattformen wie FoodNeverComes simulieren Essenslieferungen und haben so bislang fast eine Million Essenswünsche virtuell erfüllt, ohne auch nur einen einzigen Bissen auszuliefern.
Andere Dienste wie der Dopamine Shop präsentieren virtuelle Schaufenster mit absurden Angeboten, die von einem sogenannten „Haustierstein“ für 99 Cent bis zum Mond für 99 Millionen US-Dollar reichen. Nutzer müssen keine Zahlungsdaten eingeben, und es werden auch keine Pakete an ihre Haustür geliefert.
Die Auswahl von Artikeln und das Aufgeben von Bestellungen setzen Dopamin frei, einen Botenstoff im Gehirn, der an Motivation und Belohnungserwartung beteiligt ist. Der Trend basiert auf drei zentralen psychologischen Elementen: Vorfreude, Auswahl und dem Gefühl der Bestätigung.
Die Spannung erreicht kurz vor der erwarteten Lieferung ihren Höhepunkt. So bieten diese Plattformen den Nervenkitzel des Einkaufens, ohne dass Geld vom Bankkonto abgebucht wird. Ähnliche Verhaltensweisen gibt es längst auf Pinterest, wo Menschen Traumhäuser planen, die sie nie bauen werden, oder auf Reiseportalen, auf denen Nutzer Urlaube entwerfen, die nur in ihrer Fantasie stattfinden.
Laut The Conversation hat der Trend seinen Ursprung in Südkorea, doch inzwischen gehört der Dopamine Shop dem US-amerikanischen Entwickler Fenwick Holdings LLC, was darauf hindeutet, dass sich das Phänomen weltweit verbreitet. Auch digitale Rauchsimulatoren wie No Smoke Zone, auch unter dem Namen Virtual Smoke bekannt, werben damit, die „Entspannung des Rauchens – ohne Nikotin oder schädliche Wirkungen“ zu ermöglichen.
Versteckte Tracking-Risiken
Auch vermeintlich harmloser Zeitvertreib kann unerwartete Folgen für den Datenschutz und das Online-Tracking haben. Viele dieser kostenlosen Plattformen nutzen Google-AdSense-Cookies, um das Surfverhalten der Nutzer zu erfassen und detaillierte Verbraucherprofile zu erstellen.
Wer heute einen fiktiven Mantel oder Taco auswählt, könnte morgen bereits Werbung für genau diese Produkte sehen. Denn Drittanbieter nutzen den Browserverlauf, um gezielt personalisierte Anzeigen auszuspielen.
Solche simulierten Kaufgewohnheiten könnten zudem den Weg zu tatsächlichen Ausgaben ebnen. Das gilt insbesondere, weil diese Plattformen aus Videospielen bekannte Gamification-Elemente einsetzen.
Frühere Studien zu sozialen Casinospielen haben gezeigt, dass simulierte Spiele Nutzer dazu ermutigen können, auch um echtes Geld zu spielen. Eine Studie aus dem Jahr 2014, die 409 Nutzer solcher Spiele begleitete, ergab, dass 26 Prozent innerhalb von sechs Monaten zu Online-Glücksspielen um echtes Geld übergingen. In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2016 mit 521 Teilnehmern führten 19 Prozent ihr Glücksspiel um echtes Geld direkt auf die Nutzung sozialer Casino-Apps zurück.
Eine Studie aus dem Jahr 2018 mit 1.178 deutschen Jugendlichen im Alter von 11 bis 19 Jahren ergab zudem, dass kostenloses simuliertes Glücksspiel das Spielen um echtes Geld ein Jahr später vorhersagen konnte. Ob virtuelle Essensbestellungen tatsächlich zu realen Ausgaben führen, ist mangels direkter Forschung bislang unklar, doch das psychologische Muster wirkt auffallend ähnlich.