Der Streit um Grönland entwickelt sich zunehmend zu einer Belastungsprobe für das Verhältnis zwischen Europa und den USA. Was als geopolitische Auseinandersetzung begann, droht nun auch wirtschaftliche Folgen für beide Seiten zu haben.
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In Brüssel wächst der Druck, geschlossen zu reagieren, ohne eine Eskalation auszulösen. Im Zentrum steht die Frage, wie weit Europa gehen will, um politischem und wirtschaftlichem Druck aus Washington zu begegnen.
Arktis im Fokus
Ausgangspunkt der aktuellen Spannungen sind erneute Drohungen von US-Präsident Donald Trump im Zusammenhang mit Grönland. Der Präsident hatte erklärt, zusätzliche Zölle gegen mehrere europäische Staaten, darunter auch Deutschland, zu verhängen, weil sie die amerikanischen Ansprüche auf die Insel zurückweisen.
Grönland gehört als autonomes Gebiet zu Dänemark und hat wegen seiner strategischen Lage, möglicher Rohstoffvorkommen und neuer Schifffahrtsrouten in der Arktis erheblich an Bedeutung gewonnen. Trump hatte seinen Anspruch wiederholt mit Sicherheitsinteressen der USA begründet und einen Kauf der Insel gefordert.
Europas Vorbereitung
Als Reaktion plant EU-Ratspräsident António Costa, wie Welt berichtet, ein Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs. Ziel sei es, eine gemeinsame politische Linie festzulegen. Costa erklärte, Zölle seien mit dem bestehenden EU-USA-Handelsrahmen unvereinbar und würden das transatlantische Verhältnis beschädigen.
Gleichzeitig betonte er, die EU sei bereit, sich gegen wirtschaftlichen Zwang zu wehren, wolle aber weiter konstruktiv mit Washington zusammenarbeiten, insbesondere im sicherheitspolitischen Rahmen der Nato.
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Wirtschaftlicher Hebel
Parallel prüft die EU die Aktivierung bereits vorbereiteter Gegenzölle. Laut Welt berichtet unter anderem Reuters von Maßnahmen im Umfang von 93 Milliarden Euro. Betroffen wären unter anderem ausgewählte US-Industrie- und Agrarprodukte.
Ein EU-Diplomat sagte Reuters, die Strafzölle könnten automatisch Anfang Februar greifen, falls es keine politische Einigung gebe. Sie waren bislang ausgesetzt, nachdem sich beide Seiten grundsätzlich auf ein Handelsabkommen verständigt hatten. Die Ratifizierung dieses Abkommens wurde jedoch laut EVP-Fraktionschef Manfred Weber im Europäischen Parlament verschoben.
Breite Kritik
Mehrere europäische Regierungen wiesen die US-Drohungen scharf zurück. In einer gemeinsamen Erklärung warnten Deutschland, Dänemark, Frankreich und weitere Staaten, „Zolldrohungen untergraben die transatlantischen Beziehungen und bergen das Risiko einer Eskalation“, wie Welt berichtet.
Auch international fiel die Reaktion deutlich aus. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nannte die Ankündigungen „inakzeptabel“, Schwedens Regierungschef Ulf Kristersson sagte AFP: „Wir werden uns nicht einschüchtern lassen.“
Offene Perspektive
Die EU verfügt seit 2023 über ein Anti-Zwangs-Instrument, das wirtschaftliche Gegenmaßnahmen erlaubt, wenn Drittstaaten politischen Druck ausüben. Nach Angaben der Kommission soll es jedoch nur im äußersten Fall eingesetzt werden.
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Ob es der EU gelingt, zwischen Abschreckung und Deeskalation zu balancieren, dürfte entscheidend für die Zukunft der transatlantischen Beziehungen sein – und für die Rolle Europas in der zunehmend strategisch umkämpften Arktis.
Quelle: AFP, Reuters, Welt