Drohnenaufnahmen aus dem Krieg in der Ukraine halten Momente fest, die sonst kaum sichtbar wären. In vielen Clips endet die Szene nicht mit Gefangennahme oder Rettung, sondern mit Selbsttötung.
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Der finnische Sender Yle hat nach eigenen Angaben eine große Menge solcher Videos ausgewertet.
Yle berichtet, seit Ende 2023 seien hunderte Aufnahmen online aufgetaucht, in denen russische Soldaten sich das Leben nehmen. Die Zunahme stehe auch damit in Verbindung, dass bei Angriffen heute fast immer Kameras mitlaufen.
Kampf ohne Rückweg
Nach Darstellung von Yle häufen sich Selbsttötungen besonders bei sogenannten Fleischwolf-Angriffen. Gemeint sind Vorstöße in Wellen, bei denen viele Soldaten kaum Aussicht haben, lebend zurückzukehren oder als Verwundete evakuiert zu werden.
In diesem Umfeld werde Verzweiflung zur unmittelbaren Triebkraft. Wenn Hilfe ausbleibt, wird der Gedanke an einen Ausweg zur letzten Kontrolle über die eigene Situation.
Hinzu kommt die Wirkung der Bilder selbst. Die Videos machen Frontrealität für Außenstehende greifbar und verbreiten sich schnell.
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Druck und Propaganda
Yle beschreibt eine russische Kriegslogik, in der Menschenleben als schnell ersetzbar gelten. Historische Bezüge zur sowjetischen Kriegsführung werden als Teil einer Kultur dargestellt, die hohe Verluste einkalkuliert.
Für viele Soldaten kommt sozialer Druck hinzu. Yle berichtet, zahlreiche Rekruten stammten aus armen Regionen oder aus Gefängnissen und hofften auf Geld oder Strafmilderung. Gleichzeitig zeige eine Recherche des unabhängigen Mediums Proekt, dass Angehörige der Elite nur selten an die Front geraten.
Auch die Angst vor Gefangenschaft spielt eine zentrale Rolle. Seit September 2022 ist freiwillige Aufgabe in Russland strafbar. In Drohnenmaterial, das Yle beschreibt, sollen Soldaten beim Versuch zu kapitulieren von eigenen Kräften getötet worden sein.
Sergeis Beispiel
In einem ukrainischen Gefängnis spricht Yle mit einem russischen Kriegsgefangenen. Er schildert, wie fehlende Führung, abrupte Verlegungen und das Erleben massiver Feuerkraft bei vielen Soldaten Panik und Ausweglosigkeit auslösen.
Sergei sagt laut Yle, auch er habe Selbstmordgedanken gehabt. Er berichtet zudem von Kameraden, die psychisch zerbrechen, selbst wenn sie nicht verwundet sind.
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Als weiteres Motiv beschreibt Sergei die Schamlogik im russischen Militär, die Gefangenschaft als beschämender als den Tod erscheinen lässt. Propaganda und Erzählungen über angebliche Grausamkeiten in Gefangenschaft würden diesen Eindruck vertiefen.
Zahlen und Folgen
Zur Größenordnung der Verluste nennt Yle externe Schätzungen: Die BBC geht von 250.000 bis 350.000 getöteten oder vermissten russischen Soldaten aus, die Nato von über einer Million Toten und Verwundeten. In einem Krieg mit solcher Dauer und Härte wird psychische Zermürbung selbst zum Faktor.
Yle hält fest, Russland habe das Phänomen der Selbsttötungen offiziell nicht kommentiert. Die Berichte und Videos legen jedoch nahe, dass Kriegsführung, sozialer Druck und Propaganda eine gefährliche Mischung bilden.
Quelle: Yle, BBC, Proekt