Die Arktis entwickelt sich rasch von einem abgelegenen Grenzraum zu einem zentralen sicherheitspolitischen Thema.
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Was einst als regionale Angelegenheit galt, zieht nun die volle Aufmerksamkeit der NATO auf sich.
Nordeuropäische Länder warnen, dass Russlands wachsende Präsenz, verbunden mit nuklearen Risiken und globalem Wettbewerb, Teile der Arktis zu Brennpunkten eines möglichen zukünftigen Konflikts machen könnte.
Eine gemeinsame NATO-Sorge
Nordische Regierungen sehen den erneuten Fokus auf die Sicherheit in der Arktis als Chance, die NATO dazu zu bewegen, die Region als Priorität der kollektiven Verteidigung zu behandeln.
Laut der Financial Times erklärte Norwegens Verteidigungsminister Tore Sandvik, die arktische Sicherheit beschränke sich nicht mehr nur auf den hohen Norden.
„Sicherheit in der Arktis ist eine Frage der territorialen Verteidigung für Washington, für London, für Paris, für Berlin, für das gesamte Bündnis“, warnte Sandvik.
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Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen äußerte sich ähnlich und sagte, die NATO „muss sich stärker in der Arktis engagieren“, da dies eine Verantwortung des gesamten Bündnisses sei.
Russlands militärischer Vorsprung
Russland nimmt in der Arktis eine dominante Position ein und kontrolliert etwa die Hälfte des Territoriums und der Gewässer der Region. Seit den frühen 2000er-Jahren hat Moskau dort sowohl seinen wirtschaftlichen als auch seinen militärischen Einfluss deutlich ausgebaut, weit stärker als westliche Staaten.
Russland betreibt inzwischen mehr als 40 Militäranlagen entlang seiner arktischen Küste, darunter Flugplätze, Radarstationen und Häfen.
Die Kola-Halbinsel ist dabei das am stärksten militarisierte Gebiet und beherbergt den Hauptstützpunkt der russischen Nordflotte in Seweromorsk.
„Die Nordflotte, insbesondere ihre U-Boote, ist eine zentrale Säule von Russlands strategischer Abschreckungsstrategie“, sagte Ondrej Ditrych vom Institut der Europäischen Union für Sicherheitsstudien.
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Nukleare Bedeutung
Die Arktis spielt eine entscheidende Rolle in Russlands Nukleardoktrin.
Raketen, die von der Kola-Halbinsel gestartet würden, nähmen über die Arktis und nahe Grönland den kürzesten Weg in die Vereinigten Staaten.
„Eine Interkontinentalrakete sinkt mit einer Geschwindigkeit von 7 Kilometern pro Sekunde herab und benötigt 18 Minuten vom Start bis zu einer großen US-Stadt“, sagte Sandvik.
Russland hält zudem den Teststandort Nowaja Semlja einsatzbereit, wo es laut westlichen Berichten den nuklear angetriebenen Marschflugkörper Burewestnik getestet hat.
China und neue Seewege
Moskau wirbt für die Nördliche Seeroute, während das Polareis zurückgeht und schnellere Schifffahrtsverbindungen zwischen China und Europa entstehen.
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Sandvik warnte, dass das schmelzende Eis die Machtverhältnisse verschieben könnte.
„Wenn das Polareis schmilzt, wird China zu einer regionalen Hegemonialmacht, aber mit globalen Interessen“, sagte er und verwies auf Pekings Selbstbeschreibung als „quasi-arktische Nation“.
Zwei entscheidende Engpässe
In einem arktischen Konflikt würde sich die Kontrolle nach Einschätzung von Experten wahrscheinlich auf zwei maritime Zonen konzentrieren:
die GIUK-Lücke zwischen Grönland, Island und Großbritannien sowie die „Bärenlücke“ zwischen Norwegens Svalbard-Archipel und dem norwegischen Festland nahe der Kola-Halbinsel.
Norwegen nutzt Überwachungsflugzeuge, Satelliten, Drohnen und U-Boote, um diese Gebiete zu beobachten.
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„So denkt die NATO über die Verteidigung der Region in einer angespannten Krise“, sagte Sandvik.
Ein langfristiger Wettbewerb
Die NATO hat ihre Übungen in Norwegen, Finnland und Grönland verstärkt, darunter die Cold-Response-Manöver mit 25.000 Soldaten.
Offizielle betonen, das Ziel sei Abschreckung, nicht Eskalation.
Russland und China hingegen bereiten sich auf einen langen Wettbewerb in einer Region vor, in der der Klimawandel militärische und wirtschaftliche Berechnungen über Jahrzehnte verändern könnte.
„Es ist ein Rennen in einem strategischen Wettbewerb um die Arktis“, sagte Sandvik.
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Quellen: Financial Times, Digi24