Der kremlfreundliche ehemalige ungarische Staatschef schien eine Vorliebe dafür zu haben, Entscheidungen in der Europäischen Union mit einem Veto zu belegen.
Einstimmigkeit ist etwas Schönes in der Politik, doch wenn uns die vergangenen Jahre etwas gelehrt haben, dann dass sie zugleich eine schwierige Art der Entscheidungsfindung ist, wenn mehrere Länder zusammenkommen, um einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Der inzwischen ehemalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán legte wiederholt Vetos gegen Entscheidungen zur Außenpolitik und zu Haushaltsfragen der EU ein, und ein Blick auf die Geschichte der Vetos in der Europäischen Union zeigt einen klaren Trend.
Der Dozent des University College London, Michal Ovádek, hat eine Website erstellt, auf der er die Vetos der Mitgliedstaaten der Europäischen Union verfolgt. Von den 48 Vetos seit dem 24. Juni 2011 entfallen 21 auf Ungarn – nahezu die Hälfte.
Das sind dreimal so viele Vetos wie beim Land mit den zweitmeisten Vetos, Polen, das auf sieben kommt.
Bemerkenswert ist, dass sämtliche ungarischen Vetos während der Amtszeit Viktor Orbáns eingelegt wurden.
Doch die Nutzung von Vetos allein zur Durchsetzung eigener Interessen könnte bald ein Ende haben.
Kein weiteres „politisches Theater“
Budapest hat gerade einen massiven Kurswechsel in seiner internationalen Strategie signalisiert. Die designierte Außenministerin Anita Orbán (nicht verwandt mit Viktor Orbán) versprach, dass ihre Regierung das Vetorecht in der Europäischen Union nicht länger lediglich zur politischen Inszenierung nutzen werde.
Während einer parlamentarischen Anhörung am 11. Mai machte die künftige Diplomatin ihre Haltung unmissverständlich klar. Sie erklärte laut ihren offiziellen Aussagen gegenüber Abgeordneten, über die The Kyiv Independent und Ukrainska Pravda berichteten, dass frühere Regierungen das mächtige Vetoinstrument vollständig „als politisches Theater“ genutzt hätten.
Ihre Aussagen stellen einen deutlichen Bruch mit der jüngeren Vergangenheit dar. Der ehemalige Ministerpräsident Viktor Orbán blockierte bekanntlich jahrelang wichtige Hilfen für die Ukraine und verzögerte regelmäßig harte Sanktionen gegen Russland. Es war eine äußerst umstrittene Ära.
Dieser unbeugsame Kurs belastete Ungarns Beziehungen zu seinen Nachbarstaaten erheblich. Nun will der neue Ministerpräsident Péter Magyar diese beschädigten Beziehungen reparieren und neues Vertrauen aufbauen. Gleichzeitig hofft er, Milliarden an eingefrorenen Geldern freizubekommen.
Schutz nationaler Interessen
Das neue Kabinett nimmt am 12. Mai offiziell seine Arbeit auf. Magyar verdrängte kürzlich die Regierungspartei und versprach umgehend, die starke Abhängigkeit seines Landes von russischen Energiequellen zu verringern.
Doch die neue Führung wird nicht jede bisherige Politik aufgeben. Die designierte Außenministerin machte deutlich, dass Budapest weiterhin eingreifen werde, wenn „echte ungarische Interessen auf dem Spiel stehen“, wie sie erklärte.
Ungarn plant, sich vollständig aus dem andauernden Konflikt direkt vor seiner Haustür herauszuhalten. Das Land weigert sich, Waffen in das aktive Kriegsgebiet zu liefern.
Die Führung plant zudem, genau zu beobachten, wie die Ukraine mit ihrer ethnisch ungarischen Minderheit umgeht. Budapest behauptet, neue Sprachregelungen im Bildungswesen diskriminierten die Minderheit aktiv und sorgten für erhebliche regionale Spannungen.
Ein Zeichen der Annäherung
Ukrainische Beamte weisen diese schweren Diskriminierungsvorwürfe entschieden zurück. Sie erklären, die Bildungsgesetze dienten lediglich dazu, nach Jahrzehnten äußeren Einflusses eine stärkere nationale Identität aufzubauen.
Dennoch sieht Kiew eine Chance auf bessere Beziehungen. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha kündigte an, Budapest ein völlig neues Paket von Vorschlägen zur Beilegung des Streits anzubieten.
Kurz vor einem wichtigen Treffen in Brüssel äußerte er sich optimistisch. „Wir sind offen für ein neues Kapitel in den bilateralen Beziehungen“, erklärte Sybiha gegenüber der Presse.
Eine schnelle Einigung könnte die gesamte Region verändern. Sie könnte endlich den Weg für formelle EU-Beitrittsgespräche der Ukraine freimachen.
Quellen: Ungarisches Parlament, Außenministerium der Ukraine, The Kyiv Independent, Ukrainska Pravda, EU-Veto-Tracker von Michal Ovádek