Industriepolitik hängt oft von Definitionen ab, die technisch klingen, aber weitreichende Folgen haben. Eine Änderung der Kriterien kann darüber entscheiden, wohin Investitionen, Aufträge und künftige Produktion fließen.
Die Pläne der Europäischen Kommission zum Schutz der europäischen Automobilproduktion stoßen ausgerechnet in der Branche auf Kritik, die sie unterstützen sollen. Zulieferer und Automobilhersteller streiten darüber, was künftig als „Made in Europe“ gelten soll.
CLEPA, der europäische Verband der Automobilzulieferer, fordert, dass die Kennzeichnung an eine tatsächliche Produktion innerhalb der regionalen Lieferkette gebunden wird. Nach Angaben des Verbands werden bereits rund 75 Prozent der Teile in in Europa produzierten Fahrzeugen auch dort hergestellt. Dies verschafft den EU-Entscheidungsträgern Spielraum, klare Standards festzulegen, ohne die industrielle Basis des Kontinents zu schwächen.
Wie The Guardian berichtet, setzt sich der europäische Automobilherstellerverband Acea jedoch im Rahmen des vorgeschlagenen Industrial Accelerator Act für gezielte Ausnahmeregelungen für das Vereinigte Königreich, die Türkei und Marokko ein.
Subventionen könnten Produktionsentscheidungen beeinflussen
Subventionen und Vorschriften für die öffentliche Beschaffung können weit mehr als nur kurzfristige Verkaufszahlen beeinflussen. Sie können darüber entscheiden, welche Fahrzeuge staatliche Stellen kaufen, welche Werke Unterstützung erhalten und wo Automobilhersteller künftig investieren.
Acea vertritt die Auffassung, dass im Vereinigten Königreich produzierte Fahrzeuge, Batterien und Komponenten nicht als von Europa losgelöst betrachtet werden sollten, solange sie weiterhin mit Herstellern und Zulieferern in der EU verbunden sind.
Laut The Guardian betreiben BMW, Volkswagen und Stellantis britische Werke, in denen Fahrzeuge der Marken Mini, Bentley und Vauxhall produziert werden. Zudem verfügen JLR, Ford, Toyota und Nissan ebenfalls über bedeutende Produktionsstandorte im Vereinigten Königreich.
Die Zeitung berichtet außerdem, Nissan habe intern gewarnt, dass das Werk in Sunderland gefährdet sein könnte, falls die Vorschriften unverändert in Kraft treten.
Mike Hawes, Chief Executive der britischen Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT), erklärte, der Vorschlag könne „im Wesentlichen dazu führen, dass im Vereinigten Königreich montierte Fahrzeuge vom Großteil des europäischen Marktes ausgeschlossen werden“, und bezeichnete dies als „eines der spektakulärsten Eigentore der Geschichte“.
Chinesische Importe prägen den Streit
Der vorgeschlagene Rechtsakt ist Teil der europäischen Antwort auf den Wettbewerb aus China, einschließlich günstigerer, staatlich unterstützter Exporte, die Hersteller in ganz Europa unter Druck gesetzt haben.
Aus Sicht der Zulieferer könnte eine zu weit gefasste Definition dazu führen, dass importierte Inhalte von einer europäischen Kennzeichnung profitieren. Für Automobilhersteller mit Werken außerhalb der EU könnte hingegen eine strikt an den Außengrenzen orientierte Definition Fabriken benachteiligen, die bereits eng in die europäische Produktion eingebunden sind.
CLEPA argumentiert, die EU sollte echte lokale Produktion und Investitionen fördern, anstatt den Standard zu verwässern. Acea hingegen warnt, dass der Ausschluss bestehender Werke mit Verbindungen zu europäischen Automobilherstellern den Sektor angesichts der zunehmenden Konkurrenz aus China schwächen würde.
Die EU-Entscheidungsträger müssen nun entscheiden, ob sich ein industriepolitischer Schutzschild gegen Peking schaffen lässt, ohne zugleich Europas erweiterten Produktionsverbund zu schwächen.
Quellen: The Guardian, Acea, CLEPA, SMMT