Rassistische Ungleichheit könnte die Vereinigten Staaten innerhalb von nur zwei Jahrzehnten 16 Billionen Dollar gekostet haben. Diese Schätzung zeigt, wie Entscheidungen über Rechte, Land und Kredite eine gesamte Volkswirtschaft prägen können.
Ein Bericht von Citigroup aus dem Jahr 2020 kam zu dem Ergebnis, dass die US-Wirtschaft um zusätzliche 16 Billionen Dollar hätte wachsen können, wenn vier Benachteiligungen schwarzer US-Amerikaner bereits 20 Jahre früher beseitigt worden wären. Die Schätzung bezog sich auf Löhne, Bildung, Wohneigentum und Investitionen.
Bei der Berechnung handelte es sich um ein kontrafaktisches Modell und nicht um eine Bilanz von Geld, das tatsächlich verschwunden war. Gemessen wurde die wirtschaftliche Aktivität, die durch höhere Einkommen, zusätzliche Immobilienkäufe, bessere Bildung und umfangreichere Investitionen in Unternehmen in schwarzem Besitz hätte entstehen können.
Heather McGhee, eine US-amerikanische Autorin und von 2014 bis 2018 Präsidentin der politischen Organisation Demos, hat untersucht, wie rassistische Spaltungen Wähler und Amtsträger dazu bringen können, Maßnahmen abzulehnen, von denen die Gesellschaft insgesamt profitieren würde. In ihrem 2021 erschienenen Buch The Sum of Us beschreibt sie dies als Nullsummendenken: die Annahme, dass Fortschritte für eine Bevölkerungsgruppe zwangsläufig auf Kosten einer anderen gehen müssen.
Ein besonders deutliches Beispiel zeigte sich vor mehr als sechs Jahrzehnten in Montgomery im US-Bundesstaat Alabama.
Zum Oak Park gehörten ein städtisches Schwimmbad, ein Zoo und weitere Freizeiteinrichtungen, die von weißen Einwohnern genutzt wurden. Nach Angaben des Geschichtsportals Historienet schlossen die städtischen Behörden den Park 1959, schütteten das Schwimmbecken zu und verkauften die Tiere, nachdem sich die Rassentrennung rechtlich nicht länger aufrechterhalten ließ.
Das Schwimmbad war im Sommer ein beliebter Treffpunkt, doch schwarzen Familien war der Zutritt verboten. Statt die Anlage für alle zu öffnen, entschied sich die Stadt dafür, sie vollständig zu beseitigen.
Die Freiheit brachte neue Einschränkungen
Die gesetzliche Sklaverei endete landesweit nach dem Bürgerkrieg und mit der Ratifizierung des 13. Verfassungszusatzes im Dezember 1865. Fast vier Millionen Menschen wurden aus der Sklaverei befreit, auch wenn der Zusatz eine Ausnahme vorsah, die Zwangsarbeit als Strafe nach einer strafrechtlichen Verurteilung erlaubte.
Diese Ausnahme gewann später besondere Bedeutung, als diskriminierende Gesetze und deren Durchsetzung schwarze US-Amerikaner in Systeme erzwungener Arbeit drängten. Die Gesetzgeber der Südstaaten verabschiedeten sogenannte Black Codes, die sich von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschieden, aber häufig die Bewegungsfreiheit, die Berufsausübung und die wirtschaftliche Unabhängigkeit einschränkten.
Gesetze gegen Landstreicherei ermöglichten es den Behörden in einigen Regionen, schwarze Menschen festzunehmen, wenn sie keiner Beschäftigung nachgingen, die von weißen Amtsträgern anerkannt wurde. Wer die daraus resultierenden Geldstrafen nicht bezahlen konnte, konnte inhaftiert, als Arbeitskraft vermietet oder zu Arbeitsverhältnissen gezwungen werden. Bestimmungen im Arbeitsrecht sahen zudem Strafen für Beschäftigte vor, die ihre Verträge vor dem vereinbarten Ende verließen.
Diese Maßnahmen halfen ehemaligen Sklavenhaltern, weiterhin über eine kontrollierte Arbeitskraft zu verfügen, ohne die Sklaverei offiziell wieder einzuführen. Ihre Umsetzung beruhte nicht nur auf den geschriebenen Gesetzen, sondern auch auf Polizei, Gerichten und lokalen Behörden.
Der 15. Verfassungszusatz, der 1870 ratifiziert wurde, untersagte es, Menschen aus rassistischen Gründen das Wahlrecht zu verweigern. In den folgenden Jahrzehnten nutzten die Südstaaten Wahlsteuern, Alphabetisierungstests und administrative Hürden, um die Wahlbeteiligung schwarzer Bürger zu unterdrücken, ohne dabei offen rassistische Formulierungen zu verwenden.
Eigentum bot nur wenig Schutz
Landbesitz bewahrte schwarze Gemeinschaften nicht immer vor Vertreibung.
Seneca Village entstand im 19. Jahrhundert auf Manhattan und wurde zur Heimat einer überwiegend schwarzen Bevölkerung, zu der auch Grundstückseigentümer gehörten. Die Bewohner errichteten Häuser, Kirchen und eine Schule auf einem Gelände, das später Teil des Central Parks wurde.
Im Jahr 1857 erwarb New York das Gebiet mittels eminent domain, der US-amerikanischen Form der Enteignung für öffentliche Zwecke. Bewohner, die sich widersetzten, wurden vertrieben, als die Siedlung für den Bau des Parks abgerissen wurde.
Dies unterschied sich von der rassistischen Gewalt, die später schwarze Gemeinschaften an anderen Orten verwüstete. Seneca Village verschwand infolge einer staatlichen Landübernahme und nicht durch den Angriff eines Mobs. Dennoch verloren die Bewohner ihre Häuser, ihren Grundbesitz und ein gewachsenes Viertel.
Greenwood in Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma wurde weitaus gewaltsamer zerstört. Das wohlhabende schwarze Viertel bestand aus Wohnhäusern, Kirchen und Unternehmen, bevor ein weißer Mob es ab dem 31. Mai 1921 angriff. Die Gewalt dauerte zwei Tage an. Bewohner wurden getötet oder inhaftiert, und große Teile des Viertels brannten nieder. Das U.S. Department of the Interior bezeichnet Greenwood zu jener Zeit als eine der wohlhabendsten schwarzen Gemeinschaften des Landes.
Rosewood in Florida wurde im Januar 1923 während eines weiteren Ausbruchs rassistischer Gewalt zerstört. Die gemeinsame Erwähnung von Rosewood, Seneca Village und Greenwood bedeutet nicht, dass diese Fälle gleichzusetzen sind. Sie stehen für unterschiedliche Formen, durch die schwarzer Besitz und das Gemeinschaftsleben bedroht werden konnten: staatliche Enteignung im einen Fall und organisierte Gewalt in den anderen.
Der Wohnungsmarkt verankerte die Ungleichheit
Im 20. Jahrhundert setzte sich Diskriminierung auf den Wohnungs- und Kreditmärkten fest.
Seit den 1930er-Jahren stuften Bundesbehörden, lokale Gutachter und private Organisationen Wohnviertel nach dem vermeintlichen Risiko für Hypothekendarlehen ein. Gebiete mit den schlechtesten Bewertungen wurden auf Karten häufig rot umrandet, woraus der Begriff Redlining entstand.
Die ethnische Zusammensetzung spielte bei vielen dieser Bewertungen eine wichtige Rolle. Viertel mit schwarzen Bewohnern galten häufig als riskante Investitionen. Gleichzeitig verstärkten staatliche Vergaberichtlinien, diskriminierende Eigentumsklauseln und die Benachteiligung durch private Kreditgeber die räumliche Segregation.
Die Karten wirkten nicht isoliert, und Historiker untersuchen weiterhin, welche genaue Rolle sie bei Kreditentscheidungen spielten. Sie waren Teil eines größeren Systems, das den Zugang zu bezahlbaren Hypotheken und staatlich unterstützten Krediten einschränkte.
Diese Ausgrenzung war von großer Bedeutung, weil Wohneigentum zu einem der wichtigsten Wege wurde, auf denen US-amerikanische Familien Vermögen aufbauten. Eine Immobilie konnte an Wert gewinnen, an Kinder vererbt oder als Sicherheit für Bildung und Unternehmensinvestitionen genutzt werden. Familien, die vom Hypothekenmarkt ausgeschlossen blieben, verpassten jahrzehntelange Möglichkeiten zur Wertsteigerung.
Die Ungleichheit auf dem Wohnungsmarkt wirkte sich auch auf das öffentliche Bildungswesen aus. Lokale Grundsteuern tragen in vielen Teilen der Vereinigten Staaten einen erheblichen Teil zur Finanzierung von Schulen bei, auch wenn sich die Beiträge der Bundesstaaten und des Bundes deutlich unterscheiden. Gemeinden mit niedrigeren Immobilienwerten verfügten häufig über eine schwächere lokale Steuerbasis. Dadurch waren Schulen stärker auf externe Mittel angewiesen und anfälliger für Finanzierungslücken.
Diese Unterschiede konnten die Klassengrößen, die Ausstattung, die Personalgewinnung und die Bildungschancen der Schüler beeinflussen. Bildungsungleichheit wirkte sich wiederum auf Beschäftigung und Einkommen aus und erschwerte es der nächsten Generation, Zugang zum Immobilienmarkt zu erhalten.
Die Verluste wirkten sich auf die gesamte Wirtschaft aus
Mit seiner Schätzung versuchte Citigroup, die kumulierten wirtschaftlichen Folgen solcher Barrieren zu beziffern. Der Bericht kam zu dem Schluss, dass eine Verringerung rassistischer Ungleichheiten durch höhere Einkommen, mehr Investitionen, zusätzlichen Konsum und mehr Wohneigentum breitere wirtschaftliche Vorteile schaffen würde.
Das Argument besagt nicht, dass sich jedes historische Unrecht auf einen Geldbetrag reduzieren lässt. Es zeigt vielmehr, dass der Ausschluss von Millionen Menschen aus produktiven Möglichkeiten Kosten verursacht, die weit über die unmittelbar betroffenen Haushalte hinausgehen.
Das Schwimmbad in Montgomery ist ein sichtbares Beispiel für eine solche Entscheidung. Eine öffentliche Einrichtung verschwand, weil die Behörden nicht bereit waren, sie unter gleichen Bedingungen zu betreiben. Die Diskriminierung auf dem Wohnungs- und Kreditmarkt war weniger spektakulär, doch ihre Folgen hielten länger an. Sie beeinflusste, wer Eigentum erwerben, eine Ausbildung finanzieren oder Vermögen an die nächste Generation weitergeben konnte.
Die wirtschaftliche Kluft entstand daher nicht durch ein einzelnes Gesetz, eine einzelne Institution oder einen einzelnen Gewaltausbruch. Sie entwickelte sich über viele Jahrzehnte hinweg durch Entscheidungen von Gesetzgebern, Gerichten, Kreditgebern, Stadtplanern und lokalen Behörden.
Quellen: Historienet; Citigroup; Heather McGhee – The Sum of Us; US National Archives; U.S. Department of the Interior