Das moderne Leben kann so viel Druck erzeugen, dass man sich irgendwann völlig erschöpft fühlt. Soziale Medien sind voll von teuren Wellness-Retreats und schnellen Lösungen, die versprechen, einen erschöpften Geist zu heilen. Doch die Wissenschaft hinter diesen trendigen Heilsversprechen zeichnet ein ganz anderes Bild.
Viele Menschen sagen, ihr Nervensystem sei nach einem anstrengenden Monat völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Dabei ist der menschliche Körper darauf ausgelegt, auf unmittelbare Gefahren mithilfe eines komplexen Zusammenspiels von Gehirn und Nerven zu reagieren.
Das autonome Nervensystem steuert unbemerkt Körperfunktionen wie Herzschlag und Körpertemperatur. Taucht jedoch eine plötzliche Bedrohung auf, wird der Sympathikus aktiviert, schreibt The Conversation.
Er steuert grundlegende Überlebensreaktionen und löst die unmittelbare Kampf-oder-Flucht-Reaktion aus. Sobald die Gefahr vorüber ist, trägt der Parasympathikus dazu bei, den Körper wieder in einen Ruhezustand zu versetzen.
Chronischer Stress im Alltag
Das eigentliche Problem besteht darin, dass unser Körper Schwierigkeiten hat, mit den anhaltenden Belastungen des Alltags umzugehen. Unser körpereigenes Alarmsystem entwickelte sich ursprünglich, um schnell auf unmittelbare körperliche Gefahren zu reagieren.
Moderne Belastungen sehen jedoch ganz anders aus. Ständige Fristen bei der Arbeit, finanzielle Sorgen und anstrengende familiäre Betreuungspflichten können dazu führen, dass das körpereigene Alarmsystem dauerhaft aktiviert bleibt.
Hier beginnen die eigentlichen Schwierigkeiten. Häufen sich diese Belastungen ohne ausreichende Erholung an, sprechen Betroffene häufig von einem „überlasteten Nervensystem“, einem Ausdruck, der zunehmend an die Stelle der früher gebräuchlichen Vorstellung eines Nervenzusammenbruchs tritt.
Anders als bei einem schweren Nervenzusammenbruch, bei dem Betroffene ihren Alltag kaum noch bewältigen können, erledigen Menschen, die ihr Nervensystem als überlastet bezeichnen, häufig weiterhin ihre täglichen Aufgaben. Gleichzeitig fühlen sie sich innerlich deutlich verletzlicher und erschöpfter.
Medizinisierung normaler Gefühle
Laut The Conversation gehört die Tendenz, alltäglichen Stress als biologisches Problem darzustellen, zu einem wachsenden internationalen Trend. Nach der Pandemie hat diese Entwicklung deutlich an Fahrt aufgenommen.
Der Reiz dieser Bezeichnung ist nachvollziehbar, denn wer Stress als Problem des Nervensystems beschreibt, kann damit das Stigma verringern, das mit Erschöpfung verbunden ist. Es fällt oft leichter, von einer körperlichen Fehlfunktion zu sprechen, als zuzugeben, dass der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist.
Experten warnen jedoch vor dem sogenannten „Concept Creep“, also der Ausweitung psychiatrischer Begriffe auf weniger schwerwiegende Alltagsprobleme. Wer gewöhnliche emotionale Höhen und Tiefen als medizinische Störungen darstellt, kann den Eindruck erwecken, die eigenen Probleme seien dauerhaft, unkontrollierbar und nicht zu beheben.
Auch die populäre Polyvagal-Theorie, die Traumata über den Vagusnerv mit emotionalen Abschaltreaktionen in Verbindung bringt, steht in der Kritik. Eine Gruppe von 39 Wissenschaftlern kam kürzlich zu dem Schluss, dass ihre zentralen biologischen Annahmen nicht haltbar seien.
Schrittweise Erholung
Die Wissenschaftsseite Videnskab weist darauf hin, dass sich das Nervensystem nicht wie ein abgestürztes Computerprogramm zurücksetzen lässt. Spaziergänge in der Natur und regelmäßige Atemübungen können der psychischen Gesundheit guttun. Studien zeigen zudem, dass langsames Atmen den Spiegel von Stresshormonen wie Cortisol in Speichel und Blut senken kann.
Eine Art magischer biologischer Schalter wird dadurch jedoch nicht umgelegt. Auch kreative Aktivitäten wie Musizieren oder Tanzen können anhaltenden Stress mit der Zeit lindern. Eine nachhaltige Erholung erfordert jedoch Geduld statt einer sofortigen Wunderheilung.
Statt auf ein teures Wochenend-Retreat im Wald zu setzen, empfehlen Experten, sich auf grundlegende Maßnahmen zu konzentrieren. Guter Schlaf, regelmäßige Bewegung und professionelle Therapie zählen zu den bewährten Wegen, die Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress langfristig zu stärken. Den Alltag rechtzeitig wieder besser bewältigbar zu machen, ist sinnvoller, als trendigen, unbewiesenen Abkürzungen nachzujagen.