Die Anschuldigungen spiegeln jene wider, die Putin zur Rechtfertigung der Invasion der Ukraine nutzte.
Im Jahr 2021, vor der groß angelegten Invasion der Ukraine, veröffentlichte der russische Präsident Wladimir Putin einen Essay mit dem Titel Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern.
Der Essay wurde weithin diskreditiert, da er historische Fakten umschreibt und Behauptungen enthält, die bestenfalls nicht verifiziert wurden.
Eine der von Putin aufgestellten Behauptungen lautete, dass russischsprachige Minderheiten in der Ukraine, insbesondere in den östlichen Regionen, durch Gesetze und Vorschriften zu Sprache und Bildung einer weitverbreiteten Diskriminierung durch die Gesetzgeber in Kyjiw ausgesetzt seien.
Nun nutzt der Kreml dieselbe Rechtfertigung, um eine Klage gegen drei NATO-Staaten einzureichen — ein Schritt, den eines der Länder als russische Desinformationskampagne bezeichnet.
Rauch und Spiegel
Laut der unabhängigen russischen Zeitung Nowaja Gaseta, die sich auf das staatsnahe russische Medium Iswestija beruft, wird sich das russische Außenministerium an das UN-Gericht in Den Haag wenden.
Der Kreml behauptete, Litauen, Lettland und Estland hätten sich geweigert, „ihre rechtswidrige Politik einzustellen, und alle Versuche, die Differenzen durch Verhandlungen zu lösen, hätten sich als fruchtlos erwiesen“, was diplomatische Empörung auslöste.
Die baltischen Regierungen haben wiederholt jede Form unfairer Behandlung bestritten. Gegenüber dem Kyiv Independent bezeichnete das estnische Außenministerium den Schritt als Fortsetzung feindseligen Verhaltens.
„Das ist nichts Neues. Es ist Teil von Russlands fortlaufendem Verhaltensmuster und eine Fortsetzung der Desinformationskampagne gegen die baltischen Staaten“, erklärte das estnische Außenministerium in einer Stellungnahme gegenüber dem Kyiv Independent.
Eine bewusste Ablenkung
Die Eskalation erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Moskau seine Drohungen gegen die drei NATO-Mitglieder verschärft.
Alle drei Staaten verfügen über russischsprachige Gemeinschaften, wobei etwa ein Drittel der Bevölkerung Lettlands und Estlands Russisch als Muttersprache spricht.
Beamte gehen davon aus, dass der juristische Angriff einem bestimmten Zweck dient. „Diese Verleumdung wird verbreitet, um von Russlands eigenen Verstößen abzulenken, etwa den derzeitigen brutalen Angriffen auf ukrainische zivile Ziele“, erklärte das estnische Ministerium.
Laut Tallinn zielt die Schmierkampagne darauf ab, „die Unterstützung für die Ukraine zu untergraben und demokratische Institutionen sowie Verbündete allgemein zu diskreditieren“.
Die neue rechtliche Hintertür
Der Schritt erfolgt kurz nachdem der russische Präsident Wladimir Putin ein äußerst umstrittenes Gesetz unterzeichnet hat.
Das neue Gesetz verleiht dem Kremlchef offiziell weitreichende Befugnisse, Truppen über internationale Grenzen hinweg einzusetzen.
Dem Text zufolge, auf den sich die staatliche russische Nachrichtenagentur Interfax beruft, sollen diese plötzlichen Militäreinsätze Staatsbürger schützen, die außerhalb des Landes leben.
Das Gesetz passierte am 13. Mai die russische Staatsduma und landete anschließend rasch zur endgültigen Genehmigung auf dem Schreibtisch des Präsidenten.
Nun kann das russische Militär rechtmäßig eingreifen, wenn einem Staatsbürger durch fremde Staaten Festnahme, Gerichtsverfahren oder Inhaftierung drohen.
Quellen: Russische Medien, Kyiv Independent, Estnisches Außenministerium, Lettisches Außenministerium, Interfax, Nowaja Gaseta