Man spricht davon, das kleinere Übel zu wählen …
Der Krieg in der Ukraine sollte eine schnelle Operation sein, die in weniger als zwei Wochen zu einem umfassenden russischen Sieg führen sollte.
Zumindest war dies die Erwartung des Kremls, als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, so frühere westliche Geheimdienstberichte.
Der Krieg befindet sich nun im fünften Jahr, wobei sich die russischen Verluste immer weiter einem Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes annähern.
Die neuesten Schätzungen des Generalstabs der Streitkräfte der Ukraine beziffern die russischen Verluste mit Stand vom 22. Mai auf über 1,35 Millionen.
Und einem neuen Bericht zufolge zwingt der Krieg in der Ukraine Wladimir Putin nun, zwischen zwei Optionen zu wählen – die beide sowohl für Russland als Nation als auch für seine Herrschaft verheerend sein könnten.
Ein schwieriger Scheideweg
Einem Bericht des in London ansässigen International Institute for Strategic Studies (IISS) zufolge stößt der Kreml hinsichtlich der wirtschaftlichen und menschlichen Ressourcen, die zur Aufrechterhaltung seiner anhaltenden groß angelegten Invasion der Ukraine erforderlich sind, an seine absoluten Grenzen.
Bislang hat die Regierung eine vollständige gesellschaftliche Mobilisierung vermieden, indem sie hochbezahlte Verträge zur Rekrutierung von Soldaten anbot. Doch gravierende Arbeitskräftemängel, wachsende Haushaltsdefizite und massive Verluste auf dem Schlachtfeld lassen dieses System zerbrechen.
Historisch gesehen haben Nationen, die in große europäische Konflikte verwickelt waren, stets eine totale Mobilisierung ihrer Bevölkerung verhängt. Der IISS-Bericht weist darauf hin, dass jede große Kriegspartei im Zweiten Weltkrieg die Wehrpflicht einsetzte, Moskau diesen Weg jedoch bisher vermieden hat.
Eine düstere Wahl
Die finanzielle Belastung hat bereits hohe Inflation, steigende Zinsen und Steuererhöhungen ausgelöst, die der Zivilwirtschaft schaden. Infolgedessen steht der Kreml nun vor einem drastischen Scheideweg.
Dem IISS zufolge „wird der Kreml bald vor einer grundlegenden Entscheidung stehen, ob er seine Forderungen an Russlands Wirtschaft und Gesellschaft radikal eskaliert oder seine Kriegsziele zurückschraubt“. Um weiterkämpfen zu können, müsste der Staat wahrscheinlich „erhebliche neue kommandogleiche Maßnahmen einführen, die menschliche und materielle Ressourcen zwangsweise mobilisieren“, um seine Operationen fortzusetzen.
Diese extremen Anpassungen würden grundlegende bürgerliche Freiheiten stark einschränken. Anstatt sich auf finanzielle Anreize zu verlassen, würde der Staat die Bürger wahrscheinlich zwingen, in Rüstungsfabriken zu arbeiten und Auslandsreisen einzuschränken. Die digitalen Werkzeuge, die zum Blockieren von Grenzübergängen erforderlich sind, sind bereits einsatzbereit.
Dieser Weg deutet auf eine vollständig militarisierte Kommandowirtschaft sowjetischen Stils mit weitreichender Verstaatlichung und strengen Preiskontrollen hin. Während der Kreml öffentliche Gegenreaktionen fürchtet, deuten jüngste regionale Internetausfälle darauf hin, dass sich die Sicherheitskräfte auf die Unterdrückung potenzieller Proteste vorbereiten.
Verzweifelte Ablenkungstaktiken
Die Risse in den Kriegsanstrengungen lösen hinter den Kulissen weitere defensive Manöver aus. Dokumente, die vom Auslandsgeheimdienst der Ukraine beschafft wurden, enthüllen, dass die Präsidialverwaltung Russlands kürzlich eine massive Desinformationskampagne gegen die Ukraine angeordnet hat.
Der ukrainische Geheimdienst teilte diese Erkenntnisse am 20. Mai auf seiner offiziellen Website mit. Die Anweisung kam offenbar direkt vom russischen Präsidenten Wladimir Putin nach einer ins Stocken geratenen Frühjahrsoffensive und wachsendem innenpolitischem finanziellem Druck.
Quellen: International Institute for Strategic Studies, Auslandsgeheimdienst der Ukraine, Generalstab der Streitkräfte der Ukraine