Die russische Regierung stützt sich auf ein geheimes Netzwerk von Meinungsumfragen
Wenn eine Regierung weitreichende Entscheidungen trifft, die Millionen betreffen, muss sie wissen, was die Öffentlichkeit tatsächlich denkt.
Doch Angst hält Bürger oft völlig stumm. Um die Wahrheit herauszufinden, müssen die Behörden tiefer graben.
Ein neu aufgedecktes System zeigt genau, wie eine Regierung heimlich die Stimmung in der Bevölkerung misst.
Hinter verschlossenen Türen
Die russische Regierung stützt sich auf ein geheimes Netzwerk von Meinungsumfragen, um die öffentliche Stimmung bezüglich des Krieges in der Ukraine zu erfassen. Laut dem unabhängigen Medium Verstka, das von United24Media zitiert wird, führen staatliche Forschungszentren und Sicherheitsbehörden diese verdeckten Umfragen durch.
Die Untersuchung kam ans Licht, nachdem der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Reihe geleakter Grafiken online geteilt hatte. Die Folien prognostizierten die Zustimmungsraten des russischen Führers Wladimir Putin. Sie sagten auch bevorstehende Wahlergebnisse voraus.
Während Selenskyj behauptete, die Dokumente seien für die höchste Führungsebene erstellt worden, sagten Quellen gegenüber Verstka, die Realität sei eine andere. Eine der Verwaltung nahestehende Quelle erklärte, dass „Stresstestszenarien Standardpraxis sind“, und erläuterte, dass die Diagramme im Wesentlichen Worst-Case-Wirtschaftsszenarien testeten.
Die Bevölkerung im Blick
Ein Insider einer Politikberatung stellte fest, dass die geleakten Grafiken eine konservative Ausgangsbasis zeigten. Sie sagten keine größeren Ausschläge oder Einbrüche in der Zustimmung voraus, es sei denn, es käme zu einem massiven Schock. Eine weitere Militärmobilisierung könnte eine solche Verschiebung leicht auslösen.
Das Sammeln genauer Daten ist unglaublich schwierig. Die meisten Bürger haben Angst, politische Fragen zu beantworten.
Eine aktuelle Studie von Russian Field ergab, dass sage und schreibe 93 Prozent der Menschen sich schlichtweg weigerten, an Umfragen teilzunehmen.
Um dieses Schweigen zu umgehen, setzt der Föderale Schutzdienst spezialisierte Taktiken ein.
Ein Soziologiedozent erklärte dem Medium, dass „ältere Frauen oft die Türen öffnen und junge Männer auflegen.“
Analysten gleichen dann Telefonnummern mit Volkszählungsdaten ab, um ihre Stichproben genau anzupassen.
Die Zahlen verschleiern
Die Behörden überwachen auch das Online-Verhalten genau. Laut Verstka werden Social-Media-Berichte direkt an die Präsidialverwaltung gesendet und „landen auf dem Schreibtisch der Soziologen“, um ein vollständigeres Bild zu liefern.
Derzeit rufen Forscher Bürger an, um zu fragen, ob sie steigende Preise bemerken oder ob sie sich Straßenprotesten anschließen würden. Doch die Ergebnisse dieser kritischen Umfragen gelangen selten an die Öffentlichkeit.
Anstatt die Zahlen zu fälschen, versteckt der Staat einfach die schlechten Nachrichten. Zum Beispiel stellten staatliche Meinungsforscher die Veröffentlichung offener Vertrauenswerte still und heimlich ein, nachdem weniger als einer von drei Menschen Putin als vertrauenswürdige Figur genannt hatte. Wie ein Insider Verstka unverblümt mitteilte: „Wenn die Menschen ihre Belastungsgrenze erreichen, werden Umfragen definitiv nicht mehr benötigt.“
Quellen: United24 Media, Verstka, Russian Field