Ein großer Onlinehändler bereitet sich nach Jahren rasanten Wachstums auf den Börsengang vor. Jüngste Offenlegungen deuten auf ein langsameres Wachstum, schwächere Gewinne und höhere Importkosten hin.
Laut den Hongkonger Angebotsunterlagen von Shein werden rund 280 Millionen Aktien zu einem Preis von jeweils 47,60 bis 49,50 Hongkong-Dollar angeboten. Durch den Verkauf könnten bis zu 13,86 Milliarden Hongkong-Dollar beziehungsweise rund 1,77 Milliarden US-Dollar eingenommen werden. Die endgültige Preisfestsetzung wird für den 31. August erwartet, bevor der Handel am 1. September beginnt, schreibt The Guardian.
Am oberen Ende der Preisspanne würde der in Singapur ansässige Einzelhändler mit knapp 27 Milliarden US-Dollar bewertet. Das entspricht einer deutlichen Neubewertung gegenüber früheren Finanzierungsrunden auf dem privaten Markt. Reuters berichtete über Bewertungen von 98,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 sowie jeweils 64 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023 und im April 2024. Dies verdeutlicht, wie sich die Erwartungen der Anleger verändert haben, nachdem sich das Wachstum von Shein verlangsamt und die operativen Rahmenbedingungen erschwert haben.
Rund 80 Prozent der Erlöse aus dem Börsengang von Shein, auch IPO genannt, sind für Technologie, Markenentwicklung und die weitere internationale Expansion vorgesehen.
Ein Börsengang ist der Prozess, bei dem ein privates Unternehmen erstmals Aktien an Anleger verkauft und börsennotiert wird. Ankerinvestoren haben bereits rund 383 Millionen US-Dollar für das Angebot zugesagt. Damit verfügt Shein über eine Basis institutioneller Nachfrage, bevor die Aktien dem breiteren Markt zugänglich werden.
Hongkong ist der jüngste Anlauf von Shein für eine Börsennotierung, nachdem frühere Versuche in New York und London nicht vorangekommen waren. Das in China gegründete und inzwischen in Singapur ansässige Unternehmen erhielt anschließend die Genehmigung der chinesischen Aufsichtsbehörden für die Transaktion in Hongkong. Damit wurde eine wichtige Hürde beseitigt, die frühere Börsenpläne erschwert hatte.
Umsatzwachstum verlangsamt sich deutlich
Der Prospekt weist Umsätze von 32,1 Milliarden US-Dollar im Jahr 2023, 38,75 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 und 41,85 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 aus. Obwohl die Umsätze weiter stiegen, verlangsamte sich das Wachstum erheblich: Die Umsatzsteigerung sank von 20,7 Prozent im Jahr 2024 auf 8 Prozent im Jahr 2025. Auch der Nettogewinn ging zurück, von 3,37 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 2,06 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025.
Zu Beginn des Jahres 2026 wurde die Abschwächung deutlicher. Im ersten Quartal stieg der Umsatz lediglich um 1,1 Prozent auf 9,05 Milliarden US-Dollar, während Shein einen Nettoverlust von 99 Millionen US-Dollar auswies. Darin enthalten war ein Verlust von 328 Millionen US-Dollar aus einer Fair-Value-Bewertung im Zusammenhang mit wandelbaren, rückzahlbaren Vorzugsaktien. Das bedeutet, dass ein Teil des ausgewiesenen Verlusts auf eine Veränderung des bilanziellen Werts von Wertpapieren zurückzuführen war, die an frühere Investoren ausgegeben worden waren, und nicht ausschließlich auf laufende Betriebsausgaben.
Änderungen der US-Handelsregeln haben eine weitere Herausforderung geschaffen. Die Abschaffung der De-minimis-Ausnahme in den USA erhöhte die Kosten und belastete die Verkäufe auf dem amerikanischen Markt. Die Ausnahmeregelung hatte es ermöglicht, bestimmte geringwertige Pakete, die direkt an US-Verbraucher versandt wurden, ohne die üblichen Einfuhrzölle ins Land zu bringen, die für größere Sendungen gelten. Dieses System war insbesondere für E-Commerce-Unternehmen wie Shein von Bedeutung, die häufig einzelne Bestellungen direkt an Kunden versenden.
Trotz der schwächeren Finanzergebnisse ist die Zahl der Kunden weiter gestiegen. Die Zahl der aktiven Konten erhöhte sich in den vergleichbaren Zwölfmonatszeiträumen bis März 2025 beziehungsweise März 2026 von rund 241 Millionen auf 281 Millionen. Die Kunden bestellten jedoch etwas seltener: Die durchschnittliche Zahl der Käufe pro Jahr sank von 4,0 auf 3,9.
Die niedrigere Bewertung beim Börsengang hat auch Folgen für einige bestehende Aktionäre. Bestimmte Vorzugsinvestoren erhielten bei ihrer ursprünglichen Investition vertragliche Schutzrechte für den Fall, dass Shein bei einem späteren Börsengang niedriger bewertet würde als in früheren Finanzierungsrunden. Reuters berichtete, dass diese Bestimmungen zu Barzahlungen von bis zu rund 3,5 Milliarden US-Dollar führen könnten. Einige berechtigte Investoren könnten zudem zusätzliche Aktien erhalten.
Obwohl Aktien an die Öffentlichkeit verkauft werden, dürften die Gründer von Shein die Kontrolle über das Unternehmen behalten. Die Struktur mit unterschiedlich gewichteten Stimmrechten verleiht den von den Gründern gehaltenen Aktien eine höhere Stimmkraft. Dadurch werden die vier Mitgründer nach der Börsennotierung voraussichtlich rund 90 Prozent der Stimmrechte kontrollieren.
Quellen: Reuters, The Guardian