Ein Gericht in Sankt Petersburg hat einen Mediziner zu mehreren Jahren Haft verurteilt und damit Russlands anhaltendes Vorgehen gegen Äußerungen im Zusammenhang mit dem Krieg und politischem Dissens hervorgehoben.
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Der Fall hat die Aufmerksamkeit unabhängiger Medien und von Menschenrechtsorganisationen auf sich gezogen, berichtet o2.pl.
Urteil verkündet
Ein Militärgericht in Sankt Petersburg verurteilte den Onkologen Jegor Woschtschinin nach Angaben von Radio Swoboda zu fünfeinhalb Jahren Haft in einer Strafkolonie mit maximaler Sicherheitsstufe. Die Staatsanwaltschaft warf ihm Anstiftung zum Terrorismus vor, nachdem er mutmaßlich online zu Gewalt gegen hochrangige russische Amtsträger aufgerufen hatte.
Das Gericht entschied, dass Woschtschinins Äußerungen nach Russlands Antiterrorgesetzen die Schwelle zur strafbaren Handlung überschritten. Ob er während des Verfahrens ein Geständnis ablegte, ist weiterhin unklar.
Online-Äußerungen als Grundlage
Ermittler erklärten, die Anklage stütze sich auf Nachrichten, die am 20. und 23. Oktober 2023 sowie am 7. und 13. Dezember 2024 auf Telegram veröffentlicht worden seien. Laut den von Radio Swoboda zitierten Akten enthielten die Beiträge Aufrufe zur „Hinrichtung russischer Politiker durch Erhängen“.
Das unabhängige russische Medium SOTA berichtete, dass sich die mutmaßlich anvisierten Personen auf Präsident Wladimir Putin und den Vorsitzenden der Staatsduma, Wjatscheslaw Wolodin, bezogen hätten. Die Staatsanwaltschaft stellte öffentlich nicht klar, ob sich die Botschaften gegen weitere Personen richteten.
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Beruflicher Hintergrund
Vor seiner Festnahme arbeitete Woschtschinin als Onkologe und lehrte am Mechnikow-Institut. Zudem war er am Nationalen Forschungszentrum für Medizinische Onkologie Pjotr Nikolajewitsch tätig, wo er einem Chirurgen bei der Infusionstherapie assistierte, wie SOTA berichtete.
Gerichtsunterlagen zufolge ist er Vater von vier Kindern. Seine Inhaftierung begann am 2. Juli 2025, noch vor Prozessbeginn.
Breiteres Muster
Von o2.pl zitierte Menschenrechtsorganisationen erklären, der Fall spiegele ein größeres Muster seit Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine wider. Vom Kriegsbeginn bis Juni 2025 verhängten Gerichte 2.590 terrorismusbezogene Verurteilungen gegen insgesamt 2.901 Personen.
Menschenrechtsgruppen argumentieren, dass Antiterrorgesetze zunehmend zur Verfolgung von Online-Äußerungen und politischer Meinungsäußerung eingesetzt werden. Russische Behörden halten dem entgegen, solche Maßnahmen seien zum Schutz der Staatssicherheit notwendig.
Klima der Angst
Beobachter merken an, dass Fälle wie der von Woschtschinin den schrumpfenden Raum für Dissens in Russland unterstreichen. Öffentliche Aufrufe zu Gewalt sind in vielen Ländern strafbar, Kritiker sagen jedoch, russische Gerichte wendeten das Gesetz weit auslegend an, insbesondere in politisch sensiblen Fällen.
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Während der Krieg andauert, erwarten Analysten, dass Verfahren im Zusammenhang mit Äußerungen und Aktivitäten in sozialen Medien ein fester Bestandteil der innenpolitischen Landschaft Russlands bleiben werden.
Quellen: o2.pl, Radio Swoboda, SOTA