Das kann erklären, warum „gewöhnliche Menschen“ zu rücksichtslosen Handlangern autoritärer Führer werden.
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Eine neue akademische Studie greift eine der dunkelsten Fragen der modernen Politik erneut auf. Warum werden manche Menschen zu rücksichtslosen Vollstreckern von Diktatoren, während andere sich innerhalb derselben Regime gegen sie wenden?
Nach neuer Forschung liegt die Antwort nicht in Fanatismus oder Sadismus. Stattdessen geht es häufig um eine weit banalere Kraft: die Angst, dass die eigene Karriere ins Stocken geraten ist.
Unerwartetes Motiv
Das Argument wird in Making a Career in Dictatorship: The Secret Logic behind Repression and Coups dargelegt, einem neuen Buch von Adam Scharpf von der Universität Kopenhagen und Christian Gläßel von der Berliner Hertie School.
„Wir zeigen, dass selbst die extremsten Handlungen in autoritären Regimen oft von banaler Karriereangst getrieben werden“, sagt Adam Scharpf in einer Pressemitteilung der Universität Kopenhagen.
Das Buch basiert auf einzigartigen Karrieredaten von 15.000 Offizieren des argentinischen Militärs, kombiniert mit detaillierten Fallstudien aus dem nationalsozialistischen Deutschland, Stalins Sowjetunion, dem Gambia unter Yahya Jammeh sowie einer Vielzahl weiterer autoritärer Systeme.
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Der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften des vergangenen Jahres, James A. Robinson, hat das Buch als „einen intellektuellen Meilenstein“ bezeichnet.
Zwei gefährliche Wege
Die Forscher identifizieren ein wiederkehrendes Muster, wenn die Karrieren von Offizieren stagnieren. Beschäftigte innerhalb des Regimes neigen dazu, eine von zwei Strategien zu verfolgen.
Die eine Möglichkeit ist ein Umweg: der Eintritt in repressive Einheiten, um Loyalität und Nützlichkeit gegenüber dem Machthaber zu signalisieren. Die andere ist Zwang: die Beteiligung an Staatsstreichen, um die eigenen Zukunftsaussichten unter einer neuen Führung zu verbessern.
„Es ist nicht nur der innere Zirkel des Anführers, der Charakter und Schicksal eines Regimes bestimmt. Karriereangst bei den mittleren und unteren Rängen kann ausreichen, um sowohl Gewalt als auch den Zusammenbruch eines Regimes auszulösen“, erklärt Scharpf.
Die Ergebnisse legen nahe, dass autoritäre Stabilität häufig von Druckfaktoren weit unterhalb der obersten Führungsebene abhängt.
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Meritokratie infrage gestellt
Eine der umstrittensten Schlussfolgerungen des Buches ist, dass Meritokratie nicht vor autoritären Exzessen schützt.
Leistungsbasierte und professionelle Systeme, die oft als Kennzeichen stabiler Demokratien gelten, können den Wettbewerb verschärfen und diejenigen, die zurückfallen, zu extremen Entscheidungen treiben.
„Wir neigen dazu zu glauben, dass bürokratische Professionalität ein Schutzschild gegen Diktatur ist. Unsere Forschung zeigt jedoch, dass sie eine treibende Kraft hinter Menschenrechtsverletzungen und illegalen Machtübernahmen sein kann“, sagt Scharpf.
Moderne Relevanz
Die Autoren argumentieren, dass dieselbe Logik auch jenseits klassischer Diktaturen greifen kann. Wenn demokratische Institutionen unter Druck geraten, könnten ähnliche Dynamiken entstehen.
Scharpf verweist auf US-Behörden wie ICE und das FBI, wo Personalabbau und neue Rekrutierungsmodelle genau jene Art von Karrieredruck erzeugen könnten, die zu Machtmissbrauch führt.
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„Überall dort, wo Führungspersonen Macht konsolidieren oder entschlossene Verbündete suchen, um ein System zu kippen, ist Karrierelogik am Werk“, sagt er.
Das Buch erscheint am 13. Februar 2026 bei Oxford University Press.
Quellen: Universität Kopenhagen