Churchills legendäre Rede scheint auch heute, 80 Jahre später, genauso relevant zu sein.
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Im Jahr 1946 erklärte der damalige britische Premierminister Winston Churchill: „Von Stettin an der Ostsee bis nach Triest an der Adria ist ein eiserner Vorhang über den Kontinent herabgesunken.“
Er bezog sich damit auf die Sowjetunion, die den Ostblock Europas – damals unter sowjetischer Kontrolle – vom Westen trennte und Kommunikation, Reisen, Handel und mehr stark einschränkte.
Heute, 80 Jahre später, ist Churchill längst verstorben – doch seine berühmten Worte sind heute ebenso relevant wie damals.
Denn der Kreml scheint einen neuen Eisernen Vorhang zu errichten – einen digitalen.
Ausweitung der Kontrolle
Die Moscow Times berichtete am 12. März, dass die russischen Behörden ein „Whitelist“-Modell einführen, das den Internetverkehr auf von der Regierung genehmigte Websites, Apps und Netzwerkpfade beschränkt.
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Andrei Swinzow, stellvertretender Vorsitzender des Informationspolitischen Ausschusses der Staatsduma, bestätigte die Initiative. Laut russischen Medien, die von der Moscow Times zitiert werden, soll die Liste zentrale Dienste wie Bankplattformen, Online-Marktplätze, Mobilfunkanbieter, E-Mail-Dienste und digitale Zahlungssysteme umfassen.
In einem Gespräch mit einem staatlichen Nachrichtensender erklärte Swinzow, dass die Infrastruktur innerhalb von zwei bis drei Wochen vollständig einsatzbereit sein könnte. Die Behörden kartieren bereits im Voraus Netzwerkpfade, um „schwerwiegende Probleme“ bei der landesweiten Einführung zu verhindern.
Frühe Störungen
Trotz dieser Zusicherungen berichten Überwachungsgruppen von weit verbreiteten Verbindungsstörungen während der Tests.
Das Monitoring-Projekt Na Svyazi erklärt, dass das System bereits in 71 russischen Regionen aktiviert wurde. Gleichzeitig wurden laut der Moscow Times in 68 Regionen vollständige Abschaltungen des mobilen Internets registriert.
Auch Moskau selbst erlebte vergangene Woche Störungen: Bewohner zentraler Stadtbezirke berichteten von vollständigen Ausfällen oder davon, dass nur noch der Zugriff auf genehmigte Seiten möglich sei.
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Anordnungen von oben
Quellen, die vom Technologieportal Kod Durova zitiert wurden, berichten, dass das System auch im Moskauer U-Bahn-Netz getestet wird.
Insider aus der Telekommunikationsbranche erklärten der Zeitung Kommersant, dass die Anordnungen zur Drosselung des Internets direkt „von oben“ gekommen seien. Betreiber in der gesamten Hauptstadt seien demnach angewiesen worden, im Rahmen der Einführung die Konnektivität zu reduzieren.
Die Einschränkungen verursachen bereits wirtschaftliche Kosten. Eine Quelle aus der Telekombranche sagte Kommersant, dass fünf Tage der Störungen allein in der Region Moskau Verluste zwischen drei und fünf Milliarden Rubel verursacht hätten.
Weltweit führend bei Abschaltungen
Forscher von Top10VPN, die von der Moscow Times zitiert werden, schätzen, dass Russland im Jahr 2025 durch gezielte Drosselungen, regionale Ausfälle und Verbote sozialer Medien rund 1 Billion Rubel verloren hat.
Ihre Daten zeigen, dass Russland im Jahr 2025 insgesamt 37.166 Stunden Internetabschaltungen verhängte, von denen der Großteil der 146 Millionen Einwohner des Landes betroffen war. Dieser Wert liegt deutlich über den Zahlen aus Pakistan, Myanmar und Äquatorialguinea.
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Berichten zufolge ist das Whitelist-System nur die erste Stufe eines umfassenderen Zensurprogramms unter Leitung der Kommunikationsaufsicht Roskomnadzor, die später im Jahr 2026 eine KI-gestützte Filterung des Internetverkehrs einführen will. Offizielle Stellen bezeichnen dies als Schutz der „digitalen Souveränität“.
Quellen: The Moscow Times, Kommersant, Kod Durova, Top10VPN