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Ukraines friedhöfe kommen mit der zahl der kriegstoten kaum noch nach

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In Lwiw sind die Folgen eines lang andauernden Krieges nicht nur in den Schlagzeilen, sondern auch im physischen Raum der Stadt eingeschrieben. Während die Kämpfe anhalten und die Aussichten auf Frieden in weiter Ferne liegen, sehen sich die Städte der Ukraine mit einer unvermeidlichen Realität konfrontiert: Die Zahl der Toten wächst schneller, als die Lebenden ihnen Platz bieten können.

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Ein Friedhof ist dabei zu einem besonders eindringlichen Maß für diesen Preis geworden.

Platz unter Druck

Die historisch als Marsfeld bekannte Begräbnisstätte hat ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Laut Berichten von The Kyiv Independent ist die Angst, dass der Platz ausgeht, allgegenwärtig, da mit unerbittlicher Regelmäßigkeit neue Gräber hinzukommen.

Banner in der Nähe des Geländes tragen die Aufschrift: „Der Krieg sind Namen.“ Jedes Grabmal steht für einen festen Ort des Gedenkens in einem Konflikt, in dem der Verlust endlos erscheint. Stadtvertreter diskutieren nun darüber, wie der Friedhof umgestaltet werden soll – eine Debatte, die schmerzhafte Meinungsverschiedenheiten unter den Angehörigen der Gefallenen ausgelöst hat.

Ritual ohne Rang

Seit Februar 2022 koordiniert Roman Kharivskyi hier militärische Beerdigungen. Jede folgt demselben Ritus, unabhängig von Rang oder Herkunft. „Wir bestatten jeden Helden mit derselben Zeremonie“, sagt er.

Für Kharivskyi ist der Friedhof nicht nur ein Ort der Trauer, sondern auch der Entschlossenheit. „Die Menschen sollten hierherkommen, nicht um zu weinen, sondern um Kraft zu schöpfen“, sagt er, auch wenn er die emotionale Belastung anerkennt. „Jeden Tag blicke ich in die Augen einer Mutter oder einer Ehefrau, und dort ist Leere.“

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Arbeitsruhe

Diejenigen, die das Gelände pflegen, beschreiben oft ein Gefühl der Stille, das im Kontrast zur Gewalt steht, die die Menschen hierhergebracht hat. Dzvinka Balynska, eine Mitarbeiterin des Friedhofs, sagt, die Atmosphäre wirke unerwartet warm.

„Hier sind Menschen, die ihr Leben freiwillig für die Ukraine gegeben haben, und ich fühle mich hier ruhig“, sagt sie. „Wenn der Wind weht, flattern all die Fahnen, aber im Inneren gibt es keine Kälte.“

Das Land selbst ist seit Langem von Konflikten geprägt. Balynska erklärt, dass es seit dem Ersten Weltkrieg als Militärfriedhof dient und wechselnde Grenzen, gefallene Imperien und wiederholte Kriege überstanden hat.

Privater Schmerz

Für die Familien bietet diese Ruhe wenig Trost. Lilia Dorosh, deren einziger Sohn hier begraben ist, sagt: „Mein Sohn liegt hier begraben. Er war mein einziges Kind. Alles, was ich hatte.“

Ein Großteil seines kurzen Lebens wurde vom Krieg bestimmt, nicht von Zukunftsplänen. Dorosh sagt, sie träume davon, mit seinem Porträt nach Spanien zu reisen, damit er „die Welt durch ihre Augen sehen kann“.

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Zeuge des Verlusts

Die Fotografin Anastasiia Smolienko, die den Friedhof mehrmals im Monat besucht, beschreibt ihn als eine unmittelbare Abrechnung. „Das ist ein Ort, an dem man sofort den Preis dieses Krieges, des ukrainischen Widerstands sieht“, sagt sie.

Solange die Kämpfe andauern, wird das Marsfeld weiter an Bedeutung gewinnen, wenn auch nicht an Raum. Es steht zugleich als Ort des Rituals und als Mahnung, dass der Tribut dieses Krieges noch immer geschrieben wird – ein Name nach dem anderen.

Quellen: The Kyiv Independent