Die Vorstellung eines einzigen perfekten Partners ist eine der beständigsten Überzeugungen über die Liebe.
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An jedem Valentinstag gewinnt die Vorstellung, dass irgendwo da draußen ein Mensch existiert, der einzigartig für uns bestimmt ist, erneut an emotionaler Anziehungskraft. Doch Wissenschaftler aus Psychologie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften sagen, dass die Belege ein differenzierteres Bild zeichnen.
Psychologie des Glaubens
In einem Interview mit der BBC erklärte Jason Carroll, Professor für Ehe- und Familienforschung an der Brigham Young University, der Mensch sei auf tiefe Bindungen ausgerichtet. „Wir sind bindungsorientierte Wesen“, sagt er. „Wir sehnen uns nach dieser Verbindung.“
Gleichzeitig unterscheidet er zwischen Schicksal und bewusst gestalteter Partnerschaft. „Ein Seelenverwandter wird einfach gefunden. Er ist bereits vorgefertigt. Aber ein Einziger und Einmaliger ist etwas, das zwei Menschen über Jahre hinweg gemeinsam formen – durch Anpassung, Entschuldigungen und gelegentliches Zähneknirschen“, sagt er.
Carroll stützt sich dabei auf psychologische Forschung zu dem, was Wissenschaftler als „Schicksalsglauben“ im Gegensatz zu „Wachstumsglauben“ bezeichnen. Studien unter der Leitung von Professor C. Raymond Knee an der University of Houston Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre ergaben, dass Menschen, die glaubten, Beziehungen seien „vorherbestimmt“, nach Konflikten eher an ihrem Partner zweifelten.
Personen mit einer wachstumsorientierten Sichtweise blieben bei Meinungsverschiedenheiten eher engagiert.
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Ebenfalls gegenüber der BBC warnte Carroll, dass frühe Schwierigkeiten jene verunsichern könnten, die Mühelosigkeit erwarten. „Beim ersten Anzeichen von Schwierigkeiten lautet der unmittelbare Gedanke: ‚Ich dachte, du wärst mein Seelenverwandter. Aber vielleicht bist du es nicht, denn Seelenverwandte sollten sich nicht mit solchen Dingen herumschlagen müssen‘“, sagt er.
Daten versus Schicksal
Auch über die Psychologie hinaus hat mathematische Modellierung die Vorstellung einer einzigen vorherbestimmten Übereinstimmung infrage gestellt.
Laut einer im Journal of Public Economic Theory veröffentlichten Studie entwickelte der Ökonom Dr. Greg Leo von der Vanderbilt University einen simulierten Partnermarkt, in dem Tausende Teilnehmer einander bewerteten. Sein Algorithmus identifizierte wiederholt mehrere stabile Paarungen statt einer einzigen exklusiven Übereinstimmung pro Person.
In diesen Simulationen waren gegenseitige Erstwahlen selten. Viele Teilnehmer hatten jedoch mehrere sehr kompatible Optionen, die auf den jeweiligen Ranglisten weit oben standen.
Die Ergebnisse legen nahe, dass Kompatibilität eher vielfältig als einzigartig ist.
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Was Zufriedenheit vorhersagt
Langzeitforschung zu Beziehungen weist in eine andere Richtung als filmreife Romantik.
Laut einer 2015 in Sociology veröffentlichten Studie leitete Professorin Jacqui Gabb von der Open University das Projekt Enduring Love, in dessen Rahmen rund 5.000 Menschen befragt und 50 Paare eingehend untersucht wurden.
Die Teilnehmer betonten durchweg, dass kleine alltägliche Gesten entscheidend dafür seien, sich wertgeschätzt zu fühlen. In einem im Rahmen der Studie zitierten Tagebucheintrag beschrieb eine Teilnehmerin namens Sumaira einen gewöhnlichen Abend zu Hause als „Es ist perfekt“ und fügte hinzu: „Nur wir und Essen. Was könnte ich mir mehr wünschen?“
Das Projekt ergab, dass die Zufriedenheit in Beziehungen stark mit dem zusammenhing, was Gabb als alltägliche Aufmerksamkeit bezeichnete, und weniger mit großen Gesten.
Insgesamt deutet die Forschung darauf hin, dass die Sprache des Schicksals zwar weiterhin reizvoll bleibt, dauerhafte Liebe jedoch weniger darin besteht, eine vorgezeichnete Übereinstimmung zu entdecken, als vielmehr darin, durch wiederholte Akte der Fürsorge Nähe aufzubauen.
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Quellen: BBC-Interviews mit Jason Carroll; Forschung von C. Raymond Knee (University of Houston); Journal of Public Economic Theory; Sociology (2015), Projekt Enduring Love.