Eine öffentlichere Herausforderung an Washington zeichnet sich ab, während Streitigkeiten über Sicherheit, Verteidigung und Handel alte Annahmen über den Einfluss der USA auf die Probe stellen.
In einem Meinungs- und Analysebeitrag für The Guardian argumentiert Mujtaba Rahman, dass Europas härterer Kurs gegenüber Donald Trump von praktischen Veränderungen in Sicherheit und Verteidigung angetrieben wird, nicht nur von Frustration über Washington.
Rahman ist Europadirektor bei der Eurasia Group, einem Forschungs- und Beratungsunternehmen für politische Risiken. Seine Arbeit konzentriert sich darauf, wie Wahlen, Diplomatie und geopolitische Konflikte europäische Entscheidungsprozesse prägen.
Die Ukraine ist ein Grund für diesen Wandel. Rahman schreibt, dass die USA seit März 2025 die Finanzierung Kyjiws eingestellt haben, wodurch die EU den Großteil der Last übernehmen musste.
Er weist darauf hin, dass inzwischen etwa 60 % der militärischen Ausrüstung der Ukraine aus heimischer Produktion stammen, während 20 % von europäischen Lieferanten kommen. Die USA spielen weiterhin eine wichtige Rolle, insbesondere bei Geheimdienstinformationen und Luftverteidigung, doch Europa ist nicht mehr so abhängig von Washington wie einst.
Rahman verweist außerdem auf Schätzungen von Sipri, wonach der Anteil der USA an Waffentransfers nach Europa von 64 % im Zeitraum 2020–24 auf 58 % im Zeitraum 2021–25 gefallen ist.
Merz meldet sich zu Wort
Friedrich Merz’ Äußerungen zum Iran gaben diesem Wandel ein klareres öffentliches Gesicht.
Laut The Guardian sagte der deutsche Bundeskanzler vor Studierenden in Marsberg, der Iran habe die Trump-Regierung in den festgefahrenen Verhandlungen ausgespielt.
„Die Iraner sind offensichtlich sehr geschickt im Verhandeln, oder vielmehr sehr geschickt darin, nicht zu verhandeln, die Amerikaner nach Islamabad reisen zu lassen und sie dann wieder ohne Ergebnis abreisen zu lassen“, sagte Merz.
Er fügte hinzu: „Eine ganze Nation wird von der iranischen Führung gedemütigt, insbesondere von diesen sogenannten Revolutionsgarden. Und deshalb hoffe ich, dass dies so schnell wie möglich endet.“
Rahman ordnet die Episode zudem in breitere europäische Sorgen über die Ukraine, den Iran, Grönland und die politische Einflussnahme der USA auf die Wahl in Ungarn ein, bei der Viktor Orbán letztlich geschlagen wurde.
Handelstest steht bevor
Der Handel könnte zur nächsten Konfrontation werden. Rahman argumentiert, dass die EU wahrscheinlich entschlossener reagieren wird als 2025, falls Washington die Zölle auf europäische Exporte wie Autos erhöht.
Er schreibt, dass die EU-Mitgliedstaaten bereits mögliche Vergeltungsmaßnahmen im Umfang von 93 Milliarden Euro an US-Exporten gebilligt haben, auch wenn die Europäische Kommission zunächst Raum für Gespräche lassen könnte.
Rahman argumentiert, dass viele europäische Staats- und Regierungschefs Trumps Drohungen inzwischen als weniger sicher in ihrer Umsetzung betrachten. Da Trump bei vielen europäischen Wählern unbeliebt ist, könnte Widerstand gegen Washington mit geringeren politischen Risiken verbunden sein als Schweigen.
Das Bündnis bleibt intakt, doch der Ton hat sich verändert. Europa sieht Geduld nicht mehr als die einzige verfügbare Strategie.
Quellen: The Guardian