Mehrere Umfragen deuten nach Jahren des Krieges auf einen Wandel der öffentlichen Stimmung hin. Die Zahlen lassen auf wachsende Sorgen über die Lage im eigenen Land schließen.
Die Zustimmung zum russischen Präsidenten Wladimir Putin lag im Juni 2026 bei 74 Prozent, wie aus einer Umfrage des Lewada-Zentrums hervorgeht, über die The New Voice of Ukraine berichtete. Das Medium bezeichnete das Ergebnis als Rückgang um fünf Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat und als stärksten Einbruch seit September 2022, als Russland die Mobilmachung für den Krieg gegen die Ukraine ankündigte.
Dieselbe Umfrage zeigte zudem einen deutlich stärkeren Rückgang des Vertrauens in die Entwicklung des Landes. 52 Prozent der Befragten gaben an, Russland befinde sich auf dem richtigen Weg – nach 61 Prozent im Mai. Die Ablehnung von Putins Amtsführung stieg von 15 auf 21 Prozent.
Diese Zahlen werden durch eine separate FOM-Umfrage untermauert, auf die sich Newsweek beruft. Demnach lag das Vertrauen in Putin nach einer am 21. Juni durchgeführten Befragung von 1.500 wahlberechtigten Personen in 51 russischen Regionen bei 69 Prozent.
Dieser Wert lag fünf Prozentpunkte unter dem der Vorwoche und war laut dem Magazin der niedrigste Stand seit Beginn der groß angelegten russischen Invasion der Ukraine.
Mehrere Umfragen zeigen zunehmenden Druck
FOM stellte außerdem fest, dass das Misstrauen gegenüber Putin auf 18 Prozent gestiegen ist, während die Zustimmung zu seiner Amtsführung auf 71 Prozent zurückging. Die Werte bleiben zwar hoch, doch der Abwärtstrend ist bemerkenswert – insbesondere in einem System, in dem staatsnahe Meinungsumfragen üblicherweise eine starke Unterstützung für den Kreml widerspiegeln.
Meinungsumfragen in Russland sind zudem mit besonderer Unsicherheit behaftet. Öffentliche Kritik an den Behörden kann rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen, weshalb sich Befragte möglicherweise zurückhalten, wenn sie über den Präsidenten, den Krieg oder die Wirtschaft sprechen. Dadurch sind Veränderungen, die sich in mehreren Umfragen gleichzeitig zeigen, aussagekräftiger als einzelne Werte.
Der russische Oppositionspolitiker Aleksei Miniailo, dessen Forschungsgruppe Chronicles unabhängige Umfragen durchführt, sagte gegenüber Newsweek:
„Viele gehen davon aus, dass Menschen, die auf die Frage eines Meinungsforschers mit ‚Ich stimme zu‘ antworten, Putins Politik tatsächlich unterstützen. Das ist jedoch nicht der Fall.“
Er fügte hinzu:
„Tatsächlich wünschen sich viele Menschen in dieser vermeintlichen Mehrheit genau das Gegenteil von dem, was Putin tut.“
Innenpolitische Probleme lassen sich immer schwerer ignorieren
Die schwächeren Umfragewerte fallen in eine Zeit, in der die Probleme des Alltags immer sichtbarer werden. Newsweek verweist auf Gallup-Daten, wonach 60 Prozent der Russen der Ansicht sind, dass sich die wirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern. Es ist das erste Mal seit 20 Jahren, dass eine Mehrheit diese Auffassung vertritt.
Russlands Kriegswirtschaft stützt sich in hohem Maße auf Verteidigungsausgaben, doch die Wachstumsprognosen wurden nach unten korrigiert. Gleichzeitig trägt der Arbeitskräftemangel zu anhaltendem Inflationsdruck bei und belastet Haushalte, die bereits mit steigenden Preisen zu kämpfen haben.
Auch Treibstoff ist zu einem weiteren Belastungsfaktor geworden. Ukrainische Drohnenangriffe haben russische Energieinfrastruktur ins Visier genommen, und in Dutzenden Regionen wurden Rationierungen eingeführt. Putin räumte die Auswirkungen in einem Interview mit dem russischen Staatsfernsehen ein und erklärte, die Angriffe „verursachten durchaus Probleme“, betonte jedoch zugleich, die Engpässe seien nicht kritisch.
The New Voice of Ukraine berichtete, dass die Sorge über weitreichende Angriffe und Störungen an großen Flughäfen inzwischen beinahe ebenso groß sei wie die Besorgnis über den allgemeinen Kriegsverlauf. Der Krieg macht sich zunehmend durch Verkehrsverzögerungen, eingeschränkten Zugang zu Treibstoff und Störungen des Alltags bemerkbar – nicht mehr nur durch Meldungen von der Front.
Die Wahl im September erhöht den Druck
Die Umfragen erscheinen im Vorfeld der Wahl zur russischen Staatsduma im September 2026. Meduza berichtete, dass Putin ein Dekret unterzeichnet habe, das den Wahltag auf den 20. September festlegt, während der allgemeine Wahlkalender eine Abstimmung vom 18. bis 20. September vorsieht.
Laut Newsweek bemüht sich die Partei Einiges Russland vor der Wahl um eine noch engere Verbindung zu Putin. Meduza berichtete, dass sich die Regierungspartei erstmals seit 2007 wieder als „Partei des Präsidenten“ präsentiert.
Diese Strategie könnte dem Kreml helfen, Geschlossenheit zu demonstrieren. Gleichzeitig macht sie die Partei jedoch stärker von Putins persönlicher Popularität abhängig – zu einem Zeitpunkt, an dem mehrere Indikatoren nachgegeben haben.
Putin bleibt die dominierende politische Figur Russlands, und die Umfragen zeigen weiterhin die Unterstützung einer Mehrheit. Die jüngsten Zahlen deuten jedoch darauf hin, dass es für den Kreml zunehmend schwieriger wird, wirtschaftlichen Druck, Treibstoffengpässe und Kriegsmüdigkeit aus der politischen Debatte herauszuhalten.
Quellen: The New Voice of Ukraine, Newsweek, Lewada-Zentrum, Meduza.