Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in Davos eine grundsätzliche Debatte über Europas Rolle in der Welt angestoßen.
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Seine Rede zielte weniger auf einzelne Entscheidungen als auf die politische Handlungsfähigkeit des Kontinents insgesamt.
Im Mittelpunkt stand die Frage, ob Europa bereit ist, sicherheitspolitische Verantwortung selbst zu tragen – oder weiter auf Impulse von außen wartet.
Kritik an Europa
Selenskyj warf europäischen Regierungen vor, seit Jahren dieselben Appelle zu hören, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Er sprach von einer gefährlichen politischen Routine.
„Schon im vergangenen Jahr habe ich hier in Davos meine Rede mit den Worten beendet: Europa muss wissen, wie es sich selbst verteidigt“, sagte Selenskyj. „Ein Jahr ist vergangen, und nichts hat sich verändert.“
Ablenkung und Zögern
Als Beispiel nannte er die Debatte um Grönland. Europas Aufmerksamkeit habe sich darauf konzentriert, wie auf Forderungen von US-Präsident Donald Trump zu reagieren sei, anstatt eigene strategische Antworten zu entwickeln.
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„Alle haben auf Grönland geschaut“, sagte Selenskyj. „Es wirkt, als würden alle nur darauf warten, dass Amerika bei diesem Thema wieder abkühlt. Aber was, wenn das nicht passiert?“
Abhängigkeit von Washington
Ohne die USA offen anzugreifen, stellte Selenskyj die europäische Sicherheitsarchitektur infrage. Nato und EU verließen sich darauf, dass Washington im Ernstfall eingreife.
„Heute verlässt sich Europa allein auf den Glauben, dass die Nato reagieren wird, wenn Gefahr droht. Doch niemand hat das Bündnis bislang wirklich im Einsatz gesehen. Wenn Putin beschließt, Litauen einzunehmen oder Polen anzugreifen – wer wird dann reagieren?“
Russland und Druckmittel
Mit Blick auf Moskau forderte Selenskyj konsequentere Maßnahmen. Europa lasse zu, dass Russland Sanktionen umgehe und weiterhin Einnahmen für den Krieg generiere, unter anderem über eine sogenannte Schattenflotte von Öltankern.
Auch eingefrorene russische Vermögenswerte würden bislang nicht wirksam zur Verteidigung der Ukraine eingesetzt.
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„Es ist Putin, der versucht zu entscheiden, wie die eingefrorenen russischen Vermögenswerte verwendet werden sollen – und nicht diejenigen, die die Macht hätten, ihn für diesen Krieg zu bestrafen.“
Politische Konsequenzen
Selenskyj sagte, viele europäische Machthaber sprächen davon, dass die alte Weltordnung ersetzt werden müsse.
Zugleich stellte er die Frage, wo jene Führungspersönlichkeiten seien, die bereit seien, daraus konkretes Handeln folgen zu lassen. Worte allein reichten nicht aus, wenn es an politischer Entschlossenheit fehle, machte der ukrainische Präsident deutlich.
Selenskyj machte mit seiner Rede Druck auf EU-Regierungen. Er sagte, Europa könne dazu beitragen, eine bessere Welt zu schaffen – eine Welt ohne Krieg. Dafür brauche der Kontinent jedoch Stärke. Entscheidend sei, gemeinsam zu handeln, rechtzeitig zu handeln und vor allem den Mut aufzubringen, diese Entscheidungen auch umzusetzen.
Appell an Europas gemeinsame Stärke
Trotz der deutlichen Kritik an Europas Zögern unterstrich Selenskyj, dass er weiterhin auf Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung setzt.
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Zum Abschluss sagte Selenskyj, Europa müsse stark sein, um Frieden zu sichern und Zerstörung zu verhindern.
Die Ukraine sei bereit, dabei jede notwendige Unterstützung zu leisten und anderen zu helfen, stärker zu werden als bisher. Sein Land wolle Teil eines Europas sein, das politisch Gewicht habe – eines Europas realer Macht und echter Gestaltungskraft.
Quelle: Rede von Wolodymyr Selenskyj beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2026