Startseite Psychologie Das charmante Gesicht der Manipulation: Wie gefährliche Persönlichkeiten alle täuschen

Das charmante Gesicht der Manipulation: Wie gefährliche Persönlichkeiten alle täuschen

Charismatic businessman posing in the boardroom while colleagues are working behind
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Schwerwiegender Schaden kann sich mitunter hinter einer gepflegten sozialen Fassade entwickeln. Forschende untersuchen Warnsignale, die mit Täuschung, Dominanz, Vergeltung und Ausbeutung zusammenhängen.

Menschen beurteilen Unehrlichkeit häufig anhand vertrauter sozialer Signale. Wer beim Lügen ertappt wird, zögert möglicherweise, wirkt unbehaglich oder versucht, den Schaden für den eigenen Ruf zu begrenzen. Eine Person, die keine dieser Reaktionen zeigt, ist deutlich schwerer einzuschätzen.

Professor Essi Viding, Forscherin für Entwicklungspsychopathologie am University College London, sagte gegenüber The Guardian, dass ungewöhnlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein die übliche Einschätzung von Aufrichtigkeit erschweren könne. Eine Person, die beim Lügen ruhig bleibe, sei möglicherweise schwerer zu durchschauen. Zugleich betonte sie, dass diese Annahme bislang nicht formell überprüft worden sei.

Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2019 im Journal of Personality Disorders untersuchte die Möglichkeit, dass Psychopathie aus Kombinationen von Persönlichkeitsdimensionen entstehen könnte, die in der Allgemeinbevölkerung nicht zwangsläufig in starker Ausprägung gemeinsam auftreten. Die Autoren bezeichneten die Belege für ihr Modell als vorläufig.

Die Studie belegt nicht, dass selbstbewusste Menschen leichter mit Lügen davonkommen. Ihre Aussage ist wesentlich enger gefasst: Merkmale, die bei den meisten Menschen nur selten gemeinsam auftreten, können sich mitunter auf eine Weise verbinden, die mit Psychopathie in Zusammenhang steht.

Das macht den äußeren Eindruck unzuverlässig. Jemand kann charmant, beherrscht und erfolgreich wirken und dennoch völlig anders reagieren, wenn er infrage gestellt oder bei einem Fehlverhalten ertappt wird.

Kontrollverhalten wird mit der Zeit sichtbar

Dr. Karen Mitchell, Organisationsberaterin und Forscherin mit Sitz in Australien, beriet jahrzehntelang Institutionen, die mit schwerwiegenden Problemen in der Organisations- und Arbeitsplatzkultur konfrontiert waren. Gegenüber The Guardian sagte sie, Begegnungen mit destruktiven Personen hätten sie dazu veranlasst, ähnliche Verhaltensweisen in Bereichen zu untersuchen, die gewöhnlich getrennt voneinander betrachtet werden.

In ihrer Doktorarbeit aus dem Jahr 2024 an der Swinburne University of Technology mit dem Titel Psychopaths, Narcissists, Machiavellians, Toxic Leaders, Coercive Controllers: Subsets of One Overarching Dark Personality Type? entwickelte sie das von ihr als Persistent Predatory Personality bezeichnete Modell.

Mitchell stützte sich auf Fachleute aus Bereichen wie Personalwesen, Strafverfolgung, Sozialarbeit, Justiz, religiösen Organisationen und Wissenschaft. Ihr Modell führt Merkmale, Vorgehensweisen und Unterscheidungskriterien zusammen, die ihrer Ansicht nach bei verschiedenen Formen schädlichen Verhaltens wiederholt auftreten.

Zu den von ihr identifizierten Merkmalen gehörten ein starkes Kontrollbedürfnis, Grandiosität, Vergeltungsmaßnahmen nach Infragestellungen, Ausbeutung, Manipulation, die Missachtung von Vereinbarungen und die Weigerung, Verantwortung zu übernehmen.

Problematisch ist nicht allein eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit. Entschlossenheit, Ehrgeiz und Selbstbewusstsein sind gewöhnliche menschliche Eigenschaften. Ein beunruhigenderes Bild entsteht, wenn Meinungsverschiedenheiten regelmäßig Bestrafung nach sich ziehen, Grenzen als Hindernisse betrachtet werden und die Schuld gewohnheitsmäßig anderen zugeschoben wird.

Der Ruf beeinflusst, wem geglaubt wird

Ein Konflikt beginnt nur selten unter gleichen Voraussetzungen. Führungskräfte, angesehene Fachleute und beliebte Kollegen können mit einem über Jahre aufgebauten Vertrauensvorschuss in eine Auseinandersetzung gehen.

Mitchells Forschung und Interviews beschreiben Situationen, in denen eine Person, der schädliches Verhalten vorgeworfen wurde, sich erfolgreich selbst als geschädigte Partei darstellen konnte. Eine solche Umkehrung der Rollen hat insbesondere am Arbeitsplatz Folgen, da Führungskräfte und Kollegen bereits bestehende Eindrücke von allen Beteiligten haben.

Die betroffene Person muss dann möglicherweise an zwei Fronten zugleich kämpfen: Sie muss die mutmaßliche Misshandlung schildern und gleichzeitig einen bereits gefestigten Ruf infrage stellen.

Forschungen zu DARVO – Deny, Attack, and Reverse Victim and Offender, also Leugnen, Angreifen und die Umkehrung der Rollen von Opfer und Täter – liefern Hinweise darauf, dass eine solche Rollenumkehr die Wahrnehmung Außenstehender beeinflussen kann. Eine 2023 im Journal of Interpersonal Violence veröffentlichte Studie ließ 230 Studierende auf fiktive Szenarien sexueller Gewalt reagieren. Teilnehmende, die mit DARVO konfrontiert wurden, bewerteten den Täter als weniger übergriffig und glaubwürdiger, während sie das Opfer für weniger glaubwürdig hielten.

Da in der Studie fiktive Szenarien und Studierende verwendet wurden, sind die Ergebnisse nur eingeschränkt übertragbar. Dennoch deuten sie darauf hin, dass eine Umkehr der Schuldzuweisung beeinflussen kann, wie Außenstehende beide Seiten eines Konflikts beurteilen.

Gefängnisstudien prägten die Psychopathieforschung

Ein großer Teil der modernen Beurteilung von Psychopathie wurde in forensischen Kontexten entwickelt.

Professor Robert Hare, ein kanadischer Psychologe und eine der führenden Persönlichkeiten der Psychopathieforschung, entwickelte zunächst die ursprüngliche Psychopathy Checklist und später die überarbeitete 20-Punkte-Version Psychopathy Checklist-Revised, allgemein als PCL-R bekannt. Das überarbeitete Instrument wurde 1991 veröffentlicht, eine zweite Auflage folgte 2003. Seine offiziellen PCL-R-Materialien beschreiben ein Bewertungsverfahren, das Interviews mit Informationen aus weiteren Akten und Quellen kombiniert.

Gefängnispopulationen boten Forschenden einen wichtigen praktischen Vorteil. Aussagen aus Interviews konnten mit Vorstrafen, institutionellen Akten und anderen Unterlagen abgeglichen werden. Dieser Zugang führte zugleich dazu, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse besonders umfangreich zu Personen sind, deren Verhalten sie bereits mit dem Justizsystem in Kontakt gebracht hatte.

Sozial erfolgreiche Personen lassen sich auf dieselbe Weise deutlich schwerer untersuchen. Wer innerhalb eines Unternehmens, einer Familie, eines Berufs oder einer öffentlichen Institution tätig ist, hat möglicherweise keine Vorstrafen und auch keine vergleichbare Sammlung unabhängiger Dokumentation.

Mitchells qualitative Arbeit untersucht einen Teil dieses weniger sichtbaren Bereichs anhand von Fachleuten, die beruflich mit Personen mit schädlichen Verhaltensmustern in Kontakt gekommen sind. Interviews können weder feststellen, wie verbreitet der von ihr vorgeschlagene Persönlichkeitstyp ist, noch allein eine klinische Kategorie begründen. Sie können jedoch Ähnlichkeiten in Verhaltensweisen aufzeigen, die in Fachgebieten beschrieben werden, in denen traditionell unterschiedliche Begriffe verwendet werden.

Klinische Begriffe sind nicht austauschbar

Psychopathie, antisoziale Persönlichkeitsstörung und Mitchells Modell der Persistent Predatory Personality bezeichnen unterschiedliche Konzepte.

Die American Psychiatric Association beschreibt die antisoziale Persönlichkeitsstörung als klinisches Krankheitsbild, das durch eine anhaltende Missachtung der Rechte anderer gekennzeichnet ist. Zu den damit verbundenen Merkmalen zählen nach ihrer Beschreibung unter anderem Täuschungsverhalten, Impulsivität, Verantwortungslosigkeit und fehlende Reue.

Psychopathie gehört zu einer anderen Forschungs- und Bewertungstradition. Hares PCL-R berücksichtigt zwischenmenschliche und emotionale Merkmale ebenso wie Aspekte des Lebensstils und antisoziale Eigenschaften. Dies ist ein Grund dafür, dass Psychopathie nicht einfach als ein anderer Begriff für die antisoziale Persönlichkeitsstörung verwendet werden sollte.

Mitchells Modell gehört nicht zur formalen psychiatrischen Diagnostik. Es wurde entwickelt, um Formen räuberischen Verhaltens zusammenzuführen, die sowohl in organisatorischen als auch in zwischenmenschlichen Kontexten beschrieben werden.

Eine psychiatrische Diagnose ist nicht erforderlich, um beunruhigendes Verhalten ernst zu nehmen. Wenn jemand wiederholt auf Kritik mit Vergeltungsmaßnahmen reagiert, andere manipuliert, Grenzen missachtet oder sich weigert, Verantwortung zu übernehmen, können diese Handlungen für sich genommen beurteilt werden.

Quellen:

Journal of Interpersonal Violence — experimentelle DARVO-Forschung

The Guardian

Journal of Personality Disorders — „Personality Disorders as Emergent Interpersonal Syndromes: Psychopathic Personality as a Case Example“

Karen Mitchell, Swinburne University of Technology — Psychopaths, Narcissists, Machiavellians, Toxic Leaders, Coercive Controllers: Subsets of One Overarching Dark Personality Type?

Robert D. Hare — Materialien zur Psychopathy Checklist-Revised

American Psychiatric Association