Brillen mit integrierten Kameras sind zunehmend Teil einer breiteren Debatte darüber, wie neue Technologien im öffentlichen Raum eingesetzt werden sollten. Für manche Menschen können dieselben Funktionen, die Bedenken auslösen, zugleich praktische Unterstützung im Alltag bieten.
Smarte Brillen mit künstlicher Intelligenz führen zu einem immer schwierigeren Spannungsverhältnis zwischen Datenschutz und Barrierefreiheit.
Mit Kameras ausgestattete Geräte können Menschen ohne deren Wissen aufnehmen, was Forderungen nach strengeren Einschränkungen ausgelöst hat. Gleichzeitig können diese Kameras KI-Systeme mit visuellen Informationen versorgen, die blinden und sehbehinderten Nutzern helfen, ihre Umgebung besser zu erfassen.
Laut TV 2 hat die dänische Rot-Grüne Allianz wegen Bedenken über Aufnahmen ohne Einwilligung ein Verbot der smarten Brillen von Meta gefordert. Eva Flyvholm, die technologiepolitische Sprecherin der Partei, erklärte, entsprechende Einschränkungen sollten Ausnahmen für Menschen vorsehen, die das Gerät aufgrund einer Behinderung benötigen.
Die Kontroverse beeinflusst auch, wie sich einige sehbehinderte Nutzer dabei fühlen, die Brillen in der Öffentlichkeit zu tragen. Der Dänische Blindenverband teilte TV 2 mit, dass Mitglieder Sorge vor negativen Reaktionen von Menschen geäußert hätten, die die Geräte vor allem mit heimlichen Aufnahmen in Verbindung bringen. Dadurch entsteht neben der Regulierung ein weiteres Problem: Nutzer, die auf die Technologie als Hilfsmittel angewiesen sind, könnten allein wegen der von ihnen getragenen Brille auf Misstrauen stoßen.
Barrierefreiheit bietet praktische Vorteile
Metas Brillen kombinieren Kameras, Mikrofone, Lautsprecher und künstliche Intelligenz. Das System kann visuelle Informationen verarbeiten, um die Umgebung zu beschreiben, Gegenstände zu erkennen und Texte vorzulesen.
Diana Stentoft, die nationale Vorsitzende des Dänischen Blindenverbands, sagte gegenüber TV 2, dass diese Funktionen die Abhängigkeit von sehender Unterstützung bei alltäglichen Aufgaben verringern können. Nutzer können die Brille beispielsweise auffordern, Schilder vorzulesen, die Farbe von Kleidung zu überprüfen oder Informationen bereitzustellen, für die sie sonst die Hilfe einer anderen Person benötigen würden.
Der Sender interviewte den 64-jährigen Holger Roeijen, der seit mehr als 40 Jahren blind ist. Er nutzt die Brille zum Lesen, zum Auffinden von Gegenständen und zur Informationsgewinnung, während er sich auf Straßen orientiert.
Roeijen verwendet das Gerät außerdem, um Beschreibungen von Menschen und Szenen in seiner Umgebung zu erhalten. In einem Beispiel fotografierte er seine Frau und erhielt eine Beschreibung, wonach sie lächelte und glücklich wirkte. Für jemanden, der Gesichtsausdrücke nicht sehen kann, kann eine solche unmittelbare Rückmeldung alltägliche Interaktionen zugänglicher machen.
Ein weiterer Nutzer, der 75-jährige Kai Østergaard, sagte gegenüber TV 2, dass ihm die Technologie geholfen habe, mehr alltägliche Aufgaben ohne Unterstützung zu erledigen. Er nutzt die Brille außerdem, um zwischen Haushaltsprodukten zu unterscheiden, die sich allein durch Berührung nur schwer identifizieren lassen.
Bedenken wegen Aufnahmen bleiben bestehen
Der Datenschutz bleibt der zentrale Einwand gegen kameragestützte Brillen.
Im Mai berichtete die BBC, dass mehrere Frauen angegeben hätten, ein Mann habe sie heimlich mit smarten Brillen aufgenommen und später Geld dafür verlangt, online veröffentlichte Videos zu entfernen. Der Fall lenkte die Aufmerksamkeit darauf, wie leicht tragbare Kameras eingesetzt werden können, ohne dass Menschen in der Umgebung bemerken, dass sie gefilmt werden.
TV 2 verwies außerdem auf Bedenken eines verbraucherpolitischen Beraters des Dänischen Verbraucherrats, einer unabhängigen gemeinnützigen Organisation, die Verbraucherinteressen in Dänemark vertritt. Er warnte davor, dass es für umstehende Personen schwierig sein könne zu erkennen, wann eine Aufnahme stattfindet.
Anders als ein Smartphone oder eine herkömmliche Kamera kann eine smarte Brille während gewöhnlicher Gespräche und bei Bewegungen im öffentlichen Raum getragen werden, wodurch ihr Einsatz weniger auffällig ist.
Mehrere Organisationen haben außerdem davor gewarnt, dass smarte Brillen es für Menschen schwieriger machen können zu erkennen, wann sie aufgenommen werden. Die Bedenken beschränken sich nicht auf einzelne Fälle von Missbrauch, sondern betreffen auch die Frage, ob die Brillen für Menschen in der Umgebung ausreichend deutlich erkennen lassen, dass eine Aufnahme stattfindet.
Regeln müssen beiden Anforderungen gerecht werden
Der Dänische Blindenverband hat sich gegen den Missbrauch der Technologie ausgesprochen und zugleich eingeräumt, dass kameragestützte Brillen nicht in jeder Umgebung angemessen sein könnten, schreibt TV 2.
Die Organisation verwies unter anderem auf Schwimmbäder als Beispiel für Orte, an denen das Tragen kameragestützter Brillen unangemessen sein kann, selbst wenn jemand sie als Hilfsmittel zur Verbesserung der Barrierefreiheit nutzt. Nach Auffassung des Verbands sollten Einschränkungen berücksichtigen, wo und wie die Technologie eingesetzt wird, anstatt jede Nutzung gleich zu behandeln.
Für einige Nutzer hätte ein vollständiges Verbot direkte Auswirkungen auf den Alltag. Kai Østergaard sagte gegenüber TV 2, dass es ihm schwerfallen würde, wieder ohne die Brille zu leben, da sie ihm inzwischen Zugang zu Informationen verschafft, die er sonst nicht selbstständig erhalten könnte.
Die übergeordnete Herausforderung für Regulierungsbehörden besteht darin, heimliche Aufnahmen einzudämmen, ohne zugleich unterstützende Einsatzmöglichkeiten zu verhindern, die sehbehinderten Menschen mehr Unabhängigkeit ermöglichen können.
Quellen: TV 2; BBC