Startseite Unterhaltung Musikwissenschaftler entdeckt die Melodie, die Popsongs über Generationen hinweg verbindet

Musikwissenschaftler entdeckt die Melodie, die Popsongs über Generationen hinweg verbindet

Acoustic guitar
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Manchmal erkennen Hörerinnen und Hörer eine musikalische Struktur wieder, ohne sich daran zu erinnern, wo sie ihr zum ersten Mal begegnet sind. Ein Forscher hat eine solche Tonfolge in Songs aus verschiedenen Epochen und Genres nachgewiesen.

In C-Dur bilden die Töne F, H, E und A die Grundlage dessen, was der dänische Musikwissenschaftler Carl Emil Martin die „Gen-Alpha-Melodie“ nennt. Die Tonfolge dient als wiedererkennbares melodisches Gerüst, das sich auf vielfältige Weise verändern lässt und dennoch dieselbe zugrunde liegende Bewegung beibehält.

„Was die Gen-Alpha-Melodie ausmacht, ist also, dass diese vier Töne die tragenden Säulen der Melodie sind“, sagte Martin gegenüber NPR.

Zwischen oder um diese Töne herum können weitere Noten eingefügt werden, doch die vier zentralen Töne fallen häufig auf betonte Zählzeiten oder erscheinen am Ende einer melodischen Phrase. Dadurch erhalten sie zusätzliches Gewicht und helfen den Zuhörenden, dieselbe grundlegende melodische Kontur wahrzunehmen, selbst wenn sich die umgebende Musik deutlich verändert.

Unterschiede in Rhythmus, Tempo, Harmonik, Instrumentierung und Gesangsstil können dazu führen, dass Songs, die auf diesem Gerüst basieren, zunächst völlig unterschiedlich klingen. Die gemeinsame Struktur wird oft erst deutlich, wenn mehrere Beispiele direkt hintereinander abgespielt werden.

Warum die Tonfolge immer wieder auftaucht

Martin erklärte gegenüber DR, dass das Muster auf natürliche Weise zu mehreren Akkordfolgen passe, die in der Popmusik häufig verwendet werden.

Er argumentiert, dass Musikerinnen und Musiker, die unabhängig voneinander arbeiten, deshalb zu ähnlichen Ergebnissen gelangen können, wenn sie mit vertrauten Harmonien auf dem Klavier, der Gitarre oder am Computer experimentieren. Eine Melodie könne unmittelbar überzeugend wirken, weil sie der inneren Logik der zugrunde liegenden Akkorde folge – selbst dann, wenn die Songwriterin oder der Songwriter nichts bewusst übernommen habe.

Auch das musikalische Gedächtnis könnte dabei eine Rolle spielen. Songwriter nehmen im Laufe der Zeit unzählige Melodien auf, und Fragmente davon können später wieder auftauchen, ohne dass die ursprüngliche Quelle bewusst erkannt wird. Nach Martins Auffassung lässt sich die Grenze zwischen Zufall und unbewusster Erinnerung daher nicht immer eindeutig ziehen.

Diese Möglichkeit begegnete ihm auch in seiner eigenen Arbeit. Während seiner Untersuchung stellte Martin fest, dass eine Melodie, die er für seine Band geschrieben hatte, demselben Verlauf folgte. Was ihm einst wie eine völlig originelle Idee erschienen war, erwies sich plötzlich als Teil eines weitaus größeren musikalischen Musters.

Laut DR identifizierte er mindestens 75 Songs, die der Tonfolge sehr nahekommen, sowie rund 200 weitere, die Variationen davon enthalten. In diesen freieren Beispielen kann sich der Rhythmus verändern, es können verbindende Töne hinzukommen, die umgebende Harmonik kann sich verschieben oder die Betonung kann anders gesetzt werden, während die grundlegende melodische Richtung erhalten bleibt.

Von den Beatles bis zum modernen Pop

Martin begann, das Muster zu untersuchen, nachdem er „APT.“ von Rosé und Bruno Mars gehört hatte. Die Melodie erinnerte ihn an „Reckless“ von Madison Beer und „Ode to the Mets“ von The Strokes. Das veranlasste ihn dazu, die Songs genauer zu vergleichen und nach weiteren Aufnahmen mit einer ähnlichen Tonfolge zu suchen.

Was als persönliche Beobachtung begann, entwickelte sich nach und nach zu einer weitaus größeren Sammlung. Martin trug Beispiele aus verschiedenen Ländern, Genres und Jahrzehnten zusammen und präsentierte seine Erkenntnisse anschließend in einem YouTube-Video, in dem er erklärt, wie die wiederkehrende Viertonstruktur funktioniert.

Nach Angaben von DR ist Anastacias Hit „Left Outside Alone“ aus dem Jahr 2004 die früheste moderne Popaufnahme, die Martin als besonders enge Übereinstimmung einstuft. Seine Suche reichte jedoch noch weiter zurück bis zu „It’s Only Love“ von den Beatles, das er in seinem Video scherzhaft als Werk einer obskuren Band vorstellte, die vermutlich kaum jemanden beeinflusst habe.

Für Martin schwächen diese älteren Aufnahmen die Annahme, ein zeitgenössischer Songwriter habe das Muster geschaffen. Er argumentiert, dass die Viertonfolge bereits zu lange und in zu vielen unterschiedlichen musikalischen Zusammenhängen existiere, um sie überzeugend einer einzelnen modernen Interpretin, einem einzelnen modernen Interpreten oder einer einzelnen Komponistin beziehungsweise einem einzelnen Komponisten zuzuschreiben.

Sein Argument bezieht sich ausschließlich auf das zugrunde liegende melodische Gerüst. Es stellt weder die Urheberschaft vollständiger Songs noch die von Liedtexten, Arrangements, Darbietungen oder einzelnen Aufnahmen infrage, die allesamt zahlreiche weitere kreative Elemente enthalten.

Die stetig wachsende Liste von Beispielen hat nicht dazu geführt, dass Martin der Tonfolge überdrüssig geworden ist. Im Gegenteil: Jede neue Entdeckung scheint seine Faszination dafür zu verstärken, wie dieselbe kleine musikalische Idee in einem anderen Song einen völlig neuen Charakter annehmen kann.

„Jedes Mal, wenn ich ein neues Beispiel höre, freue ich mich riesig.“

Quellen: DR, NPR, YouTube-Video von Carl Emil Martin