Sexuelle Gewalt ist in Indien allgegenwärtig, doch sie wird nicht überall gleich gesehen. Während Übergriffe auf Frauen internationale Empörung auslösen, bleiben andere Opfer weitgehend unsichtbar. Berichte aus unterschiedlichen Landesteilen zeigen, wie tief gesellschaftliche Muster das Schweigen prägen.
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Die Deutsche Welle (DW) lenkt den Blick auf ein Thema, das in Indien kaum öffentlich behandelt wird: sexualisierte Gewalt gegen Jungen. Auslöser ist ein Fall aus dem südlichen Bundesstaat Kerala, bei dem ein Minderjähriger über Jahre hinweg missbraucht worden sein soll. Ermittlungen gegen mehrere Tatverdächtige laufen.
Ein erwachsener Betroffener schilderte DW anonym, er sei als Kind von Menschen aus seinem engsten Umfeld missbraucht worden. Die gesellschaftliche Erwartung, Männer müssten stark und schweigsam sein, habe ihn am Reden gehindert.
Laut der Soziologin Vijaylakshmi Brara seien Männer in patriarchalen Strukturen nicht als Opfer denkbar, sondern ausschließlich als Starke.
Eine staatliche Studie aus dem Jahr 2007 deutet darauf hin, dass sexuelle Gewalt gegen Jungen weit verbreitet ist. Mehr als die Hälfte der befragten Jungen hatte sexuelle Gewalt erlebt, knapp ein Viertel davon in schwerer Form. Fachleute mahnen jedoch an, dass das Thema weiterhin verdrängt werde und Betroffene kaum Unterstützung fänden.
Gewalt gegen Frauen
Parallel dazu berichtet der finnische Sender Yle aus Kolkata über sexuelle Belästigung und Vergewaltigung von Frauen im Alltag. Yle schildert dies unter anderem am Beispiel eines jungen Mannes, der früher selbst Frauen belästigte und heute mit einer Nichtregierungsorganisation dagegen arbeitet.
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Nach Einschätzung der Psychotherapeutin Chandana Bakshi, die mit Tätern und Opfern arbeitet, sei sexuelle Gewalt Ausdruck von Macht und sozialer Prägung. Viele Männer wüchsen mit Vorstellungen auf, wonach Frauen untergeordnet seien und männliche Dominanz akzeptieren müssten.
Auch Medienbilder verstärkten diese Haltungen. Yle verweist auf die Kritik der Aktivistin Anuradha Kapoor, die erklärt, dass populäre Filme häufig Grenzüberschreitungen romantisierten und ein Nein nicht als verbindlich darstellten.
Recht und Realität
Offizielle Statistiken weisen für 2022 mehr als 31.000 gemeldete Vergewaltigungen aus. Yle betont jedoch, dass viele Taten nie angezeigt werden, unter anderem aus Angst vor Stigmatisierung und wegen langwieriger Gerichtsverfahren. In weniger als einem Viertel der Fälle komme es zu Verurteilungen.
DW und Yle zeigen damit unterschiedliche, aber zusammenhängende Facetten desselben Problems: Gewalt wird durch Schweigen, Scham und mangelnde Konsequenzen begünstigt.
Expert:innen fordern Bildungsarbeit, konsequentere Strafverfolgung und einen breiteren Opferbegriff, der alle Geschlechter einschließt.
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Quellen: DW, Yle