Die Arktis ist derzeit im Zentrum geopolitischer Spannungen. Aussagen des US-Präsidenten Donald Trump zu Grönland haben in Russland eine Welle von Reaktionen ausgelöst, die von medialer Empörung bis zu vorsichtiger offizieller Beobachtung reicht.
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Die aktuelle Debatte fällt in eine Phase erhöhter Spannungen im hohen Norden, in der militärische Präsenz und Seewege zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Mediale Empörung
Wie die finnische Zeitung Helsingin Sanomat berichtet, haben zahlreiche russische Kommentatoren und sicherheitspolitische Stimmen Trump zuletzt scharf angegriffen. Auffällig ist dabei, dass einige dieser Akteure ihn noch vor kurzem deutlich positiver bewertet hatten.
Diese frühere Zurückhaltung beruhte laut Helsingin Sanomat auf Trumps skeptischer Haltung gegenüber direkter US-Militärhilfe für die Ukraine. Seine Aussagen zu Grönland hätten diese Wahrnehmung jedoch abrupt beendet.
Strategische Ängste
Im Zentrum der Kritik steht die Sorge, die USA könnten Grönland militärisch stärker nutzen. Der Journalist Sergei Latyshev erklärte im russischen Sender Tsargrad sinngemäß, die geografische Lage der Insel ermögliche eine effektive Überwachung weiter Teile Russlands.
Ähnliche Argumente brachte Senator Aleksei Pushkov vor. Er warnte auf Telegram, eine US-Kontrolle über Grönland könne Russlands Handlungsspielraum in der Arktis einschränken. Moskau bezeichnet die Region seit Jahren als strategisch zentral für nationale Interessen.
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Stimmen sind nicht Politik
Die Schärfe vieler medialer Reaktionen bedeutet jedoch nicht automatisch einen Kurswechsel der russischen Regierung. In Russland äußern sich Journalisten, Blogger und selbst Parlamentarier häufig deutlich aggressiver als der Kreml selbst, ohne dass daraus konkrete Politik folgt.
Diese Trennung zeigte sich auch in der aktuellen Debatte: Während Kommentatoren vor Eskalation warnten, vermied die Staatsführung klare Drohungen oder Ankündigungen.
Kosten und Abwägung
Der Politologe Andrei Kortunov sagte dem Sender Moskva24, Russland sei nicht an einer Zuspitzung im Norden interessiert. Sollte es jedoch zu einer stärkeren US-Präsenz kommen, könnte Moskau gezwungen sein, seine Nordflotte auszubauen – ein Schritt, der hohe Kosten und lange Vorlaufzeiten erfordere.
Pro-kriegsnahe Stimmen gingen weiter. Die Bloggerin Julija Vitjazeva bezeichnete Trumps Vorgehen laut Helsingin Sanomat als extrem unberechenbar und warnte vor schwer kalkulierbaren Risiken bis hin zu einem nuklearen Krieg.
Offizielle Zurückhaltung
Kremlsprecher Dmitri Peskov sprach lediglich von einer ernsten Lage und betonte, Russland beobachte die Entwicklung aufmerksam. Konkrete Gegenmaßnahmen nannte er nicht.
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Ex-Präsident Dmitri Medwedew sorgte mit einem ironischen Online-Beitrag über ein angebliches Referendum in Grönland kurzzeitig für Aufmerksamkeit, stellte jedoch klar, dass es sich um einen Scherz handelte. Seine Aussagen gelten nicht als offizielle Linie.
Trump hatte zudem erklärt, russische und chinesische Kriegsschiffe befänden sich nahe Grönland. Diese Darstellung wurde von europäischen Experten zurückgewiesen.
Andreas Østhagen vom norwegischen Fridtjof-Nansen-Institut sagte der Nachrichtenagentur AP, es gebe weder eine entsprechende Präsenz noch die Fähigkeit Russlands oder Chinas, Grönland militärisch zu kontrollieren.
Quellen: AP, Helsingin Sanomat, Tsargrad, Moskva24