Eine der bekanntesten Geschichten aus der Frühzeit des Films hat sich mehr als ein Jahrhundert lang gehalten. Zeitgenössische Quellen deuten darauf hin, dass die Erzählung mit jeder Wiederholung dramatischer wurde.
Der bekannten Geschichte zufolge sahen Zuschauer bei der Vorführung eines Films der Brüder Lumière, wie eine Lokomotive auf der Leinwand immer größer wurde. Sie glaubten, der Zug komme direkt auf sie zu, und eilten deshalb in Sicherheit. Historiker haben jedoch kaum zeitgenössische Belege dafür gefunden, dass sich diese Szene tatsächlich jemals ereignet hat.
Die französischen Filmpioniere Auguste und Louis Lumière hatten ihren Cinématographe bereits mehrfach im Laufe des Jahres 1895 vorgeführt. Am 22. März präsentierte Louis das Gerät einem kleinen Publikum in Paris und zeigte Arbeiter verlassen die Lumière-Fabrik.
Im selben Jahr folgten elf weitere Vorführungen in Frankreich und Belgien, bevor die Brüder ihren regulären kommerziellen Betrieb aufnahmen. Das Institut Lumière gibt an, dass am 28. Dezember 33 zahlende Besucher an dem historischen Programm im Pariser Grand Café teilnahmen. Der Zugfilm aus La Ciotat gehörte nicht dazu.
Auch das Gerät selbst erklärt, warum die Erfindung so große Aufmerksamkeit erregte. Der Cinématographe wog weniger als fünf Kilogramm und vereinte die Funktionen von Kamera, Filmkopiergerät und Projektor. Ein Bediener kurbelte das Gerät von Hand, wobei der Film normalerweise mit etwa 16 Bildern pro Sekunde weitertransportiert wurde. Dank seiner leichten Transportierbarkeit konnten Lumières Vorführer später mit der Ausrüstung auf Reisen gehen.
Der Catalogue Lumière führt drei Zugfilme aus La Ciotat auf. Eine nicht katalogisierte Fassung stammt von Anfang 1896, während die kommerzielle Version, Nr. 653, im Sommer 1897 aufgenommen wurde.
Wie die Geschichte von der Panik entstand
Der deutsche Filmhistoriker Martin Loiperdinger untersuchte die angebliche Panik in einer 2004 in The Moving Image veröffentlichten Studie. Er wertete zeitgenössische Presseberichte, Unterlagen der Pariser Polizeipräfektur sowie veröffentlichte Korrespondenz im Zusammenhang mit den Brüdern Lumière aus, fand jedoch keinen Bericht darüber, dass Zuschauer bei einer Vorführung in Panik geflohen seien.
Loiperdinger argumentierte, spätere Autoren hätten einen wichtigen Unterschied verwischt. Frühe Beschreibungen konzentrierten sich auf die Illusion, die das Bild erzeugte: Als sich die Lokomotive der Kamera näherte, wurde sie rasch größer und schien in den Raum des Publikums hineinzufahren. In späteren Nacherzählungen rückten zunehmend verängstigte Zuschauer in den Mittelpunkt statt der eindrucksvollen visuellen Wirkung selbst.
Der beängstigende Ruf des Films erwies sich zudem als nützlich für die Werbung. Loiperdinger berichtet von einer Werbeaktion in New York, bei der medizinisches Personal und eine Trage vor dem Veranstaltungsort bereitstanden. Damit wurde die Möglichkeit, dass Besucher sich erschrecken könnten, selbst zu einem Teil des Spektakels.
Einige Zuschauer mögen zusammengezuckt, zurückgewichen oder überrascht gewesen sein. Es gibt jedoch keinerlei erhaltene Belege für das deutlich dramatischere Bild, das Eingang in die Filmlegende fand: dass ein gesamtes Publikum gemeinsam vor Lumières Zug geflohen sei.
Quellen: The Moving Image (2004); Catalogue Lumière, Institut Lumière