Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist für Millionen Zuseherinnen und Zuseher ein globales Ritual. Gerade weil Ablauf und Atmosphäre als nahezu unveränderlich gelten, werden Abweichungen sofort wahrgenommen.
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Zum Jahresbeginn 2026 rückte deshalb weniger das Programm selbst als die Art seiner Präsentation in den Fokus – und ein Dirigent, der neue Akzente setzte, ohne den Rahmen zu sprengen.
Ein internationales Schaufenster
Das Konzert aus dem Goldenen Saal des Musikvereins wird weltweit übertragen und steht sinnbildlich für musikalische Kontinuität. Jeder Wechsel am Dirigentenpult wird daher auch als Aussage über den zukünftigen Kurs gelesen.
Der kanadische Dirigent Yannick Nézet-Séguin, der erstmals dieses Format leitete, brachte laut ORF seine internationale Erfahrung ein, ohne den Charakter des Konzerts grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr entstand der Eindruck einer vorsichtigen Modernisierung innerhalb klarer Grenzen.
Worte vor Musik
Ein markanter Moment ereignete sich im Zugabenteil vor dem „Donauwalzer“. Wie Heute berichtet, stoppte Nézet-Séguin den Beginn und wandte sich direkt an das Publikum. „Freundlichkeit ist das Wichtigste auf der Welt. Gerade heute wünsche ich der ganzen Welt ein wenig mehr Freundlichkeit. Wir leben schließlich alle gemeinsam auf diesem einen Planeten“, sagte er.
Als Applaus in die Einleitung hineinsetzte, beruhigte er den Saal mit den Worten: „Keine Sorge, wir spielen die Nummer“, wie der ORF berichtet. Erst danach erklang der Walzer.
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Nähe statt Distanz
Der deutlichste Bruch mit der Erwartung folgte beim „Radetzky-Marsch“. Der Dirigent verließ das Podium und begab sich in den Mittelgang des Parketts, von wo aus er das Orchester leitete, wie der ORF berichtet.
Die Reaktion fiel unmittelbar aus. Das Publikum klatschte und begleitete den Moment sichtbar begeistert – ein Bild, das in dieser Form selten mit dem Musikverein verbunden wird.
Programm mit Aussage
Auch jenseits der Inszenierung setzte das Konzert 2026 Akzente. Der ORF verweist darauf, dass erstmals zwei Werke von Komponistinnen Teil des Programms waren.
In der Summe entstand ein Jahresauftakt, der nicht auf Effekte setzte, sondern auf gezielte Verschiebungen. Für Nézet-Séguin wurde der Auftritt zu einer Visitenkarte: traditionsbewusst, international geprägt und offen für neue Formen der Ansprache.
Quellen: Heute, ORF