Alle zwei Tage dieselbe Frage, gestellt von einem Smartphone. Was provokant klingt, verweist auf ein Gefühl, das viele Menschen teilen. Eine chinesische App trifft weltweit auf Resonanz, weil sie weniger schockiert als etwas sichtbar macht, das oft verdrängt wird.
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In urbanen Gesellschaften leben immer mehr Menschen allein, räumlich getrennt von Familie und engen Bezugspersonen. Die App wirkt daher weniger wie ein reines Sicherheitswerkzeug als wie ein Spiegel moderner Vereinsamung. Sie erinnert Nutzer:innen daran, dass ihr Verschwinden womöglich unbemerkt bleiben könnte.
Genau hier setzt die App „Are you dead?“ („Bist du tot?“) an. Die App verlangt in regelmäßigen Abständen eine Bestätigung, dass man noch lebt. Bleibt diese aus, informiert das System einen zuvor definierten Notfallkontakt, wie Watson unter Berufung auf BBC berichtet.
Schlicht und wirksam
Technisch ist das Angebot bewusst minimalistisch gehalten. Spätestens alle zwei Tage genügt ein Knopfdruck. Laut BBC wurde die App bereits im Mai des vergangenen Jahres veröffentlicht, erlangte aber erst kürzlich größere Aufmerksamkeit.
In China steht sie inzwischen an der Spitze der kostenpflichtigen Download-Charts. Der Erfolg zeigt, dass es nicht komplexer Funktionen bedarf, um ein diffuses Sicherheitsbedürfnis anzusprechen.
Persönliche Sorgen
Viele Nutzer:innen begründen ihre Entscheidung mit konkreten Ängsten. „Ich mache mir Sorgen, dass ich, falls mir etwas zustoßen sollte, allein in meiner Mietwohnung sterben könnte und niemand es bemerken würde“, sagte Wilson Hou gegenüber der BBC. Der 38-Jährige lebt und arbeitet weit entfernt von seiner Familie.
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Weitere Stimmen, über die die BBC berichtet, thematisieren die Unsicherheit alleinlebender Menschen. Die App wird dabei nicht als Lebensretter, sondern als symbolische Verbindung nach außen wahrgenommen.
Name und Nerven
Der Titel „Are you dead?“ polarisiert. Einige Nutzer:innen empfinden ihn als unnötig drastisch und schlagen laut BBC eine freundlichere Alternative, etwa „Bist du am Leben?“, vor. Die Debatte zeigt, wie sensibel das Thema Tod im digitalen Raum bleibt.
Gleichzeitig verweist Ad Hoc News auf einen breiteren Trend. Apps wie „Snug“ oder „WalkSafe+“ zeigen, dass digitale Check-ins zunehmend Aufgaben übernehmen, die früher Nachbarschaften oder Familien innehatten. Technik füllt damit soziale Lücken, ohne sie wirklich zu schließen.
Über Grenzen hinweg
Unter dem Namen „Demumu“ erscheint die „Are you dead?“ App laut BBC auch in internationalen Download-Charts. Der Erfolg dürfte teilweise mit chinesischen Communitys im Ausland zusammenhängen, verweist aber auch auf universelle Sorgen.
Über die Entwickler:innen ist wenig bekannt. Die BBC berichtet von drei jungen Gründer:innen und geringen Entwicklungskosten. Dass nun über einen lukrativen Anteilsverkauf nachgedacht wird, unterstreicht den kommerziellen Wert eines sehr menschlichen Problems.
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Quellen: Ad Hoc News, BBC, Watson