Ernährung rückt in der Pflege zunehmend in den Fokus, nicht zuletzt wegen wachsender Kritik an bestehenden Strukturen. Aktuelle Berichte aus Deutschland und den Niederlanden zeigen, dass der Speiseplan in Pflegeheimen weitreichende Folgen für Gesundheit und Lebensqualität haben kann.
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Laut einem Bericht der Frankfurter Rundschau ist Mangelernährung in deutschen Pflegeheimen weiter verbreitet, als offizielle Statistiken nahelegen.
Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die sich auf Auswertungen des internationalen Nutrition Day stützt, waren zwischen 2019 und 2022 rund 23 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in teilnehmenden Pflegeeinrichtungen untergewichtig.
Weitere acht Prozent wurden vom eigenen Pflegepersonal als mangelernährt eingeschätzt. Ernährungswissenschaftlerin Dorothee Volkert von der Universität Erlangen-Nürnberg weist darauf hin, dass diese Zahlen vermutlich zu niedrig seien, da vor allem engagierte Einrichtungen an der Erhebung teilnehmen.
Systemische Schwächen
Volkert macht gegenüber der Frankfurter Rundschau deutlich, dass Ernährung in Pflege und Medizin häufig als Nebensache betrachtet werde. Die Folgen schlechter Versorgung zeigten sich nicht sofort, sondern erst nach Wochen oder Monaten, etwa durch Muskelabbau, erhöhte Sturzgefahr oder eine schwächere Immunabwehr.
Nach Darstellung der Frankfurter Rundschau sieht der Küchenchef Ronny Kunze darin ein strukturelles Problem. Während technische Hilfsmittel als medizinische Investitionen gelten, werde Essen oft nur als Kostenfaktor verbucht. Er kritisiert zudem lange nächtliche Essenspausen und das traditionelle Abendbrot als medizinisch ungünstig für ältere Menschen.
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Ein Fallbeispiel
In einem von der Frankfurter Rundschau aufgegriffenen LinkedIn-Beitrag schildert Kunze ein Praxisbeispiel aus einem Pflegeheim. Er beschreibt dort eine bettlägerige Frau mit offener Wunde, deren Ernährung aus seiner Sicht nicht zur Wundheilung beitrage: „Pflege ohne Ernährung ist keine Fürsorge. Es ist perfekt dokumentierte Verwahrlosung.“
Er betont, dass Wundheilung ohne ausreichende Eiweißzufuhr kaum möglich sei. Der Körper brauche Baustoffe, nicht nur Salben und Lagerungstechniken.
Protest auf dem Teller
Dass Ernährung auch emotional und gesellschaftlich aufgeladen ist, zeigt ein Fall aus den Niederlanden. Focus Online griff einen Bericht der Zeitung „PZC“ auf, wonach in einem Pflegeheim in den Niederlanden zeitweise kein Apfelmus mehr serviert worden sein soll. Begründet wurde dies mit gesunder Ernährung und Nachhaltigkeit.
Angehörige reagierten mit Protestaktionen. Eine Pflegerin, die zugleich Angehörige einer Bewohnerin ist, sagte laut „PZC“: „Meine Stiefgroßmutter ist 101 Jahre alt und isst jeden Tag Apfelmus. Solche Vorschriften sollte man eher auf junge Menschen mit Übergewicht anwenden.“
Das Heim erklärte später, Apfelmus sei weiterhin verfügbar, prüfe jedoch Alternativen.
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Mehr als Geschmackssache
Beide Fälle machen deutlich, dass Ernährung in Pflegeheimen nicht nur eine Frage von Geschmack oder Tradition ist. Sie berührt Finanzierung, Verantwortung und den Stellenwert von Lebensqualität im Alter. Experten fordern daher, Essen stärker als Teil der Therapie zu begreifen und nicht als Randposten im Budget.
Quellen: Frankfurter Rundschau, Focus Online, PZC