Die jüngsten Spannungen mit Washington haben in Europa eine Debatte ausgelöst, die lange aufgeschoben wurde. Alte Sicherheiten wirken brüchig, politische Routinen greifen nicht mehr. Die Frage ist nicht mehr, ob sich etwas ändern muss, sondern wie weit Europa gehen kann.
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Ausgangspunkt war der Streit um Grönland. Die Rheinische Post berichtet, dass US-Präsident Donald Trump dabei erneut mit Druck und Drohungen gearbeitet habe, um europäische Zugeständnisse zu erzwingen.
Zwar seien konkrete Zolldrohungen zuletzt zurückgenommen worden, doch das Verhältnis zwischen EU und USA sei schwer beschädigt.
In Brüssel werde nicht mehr nur über einzelne Konflikte gesprochen, sondern über den grundsätzlichen Umgang mit einem Partner, der zunehmend als unberechenbar gilt.
Sicherheit und Verwundbarkeit
Besonders sensibel ist die sicherheitspolitische Dimension. Die Rheinische Post berichtet, dass viele Regierungen Zweifel haben, ob Europa einen deutlichen Rückzug der USA aus der Nato oder einen Stopp der Ukraine-Hilfe kurzfristig kompensieren könnte.
Mehrere Regierungen hielten es demnach für schwierig, zentrale Luftverteidigungssysteme und nachrichtendienstliche Fähigkeiten kurzfristig zu ersetzen.
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Auch die Tagesschau verweist auf diese Schwäche. Der Ökonom Lars Feld erklärte im ARD-Podcast Plusminus, dass Europa wirtschaftlich stark sei, militärisch jedoch über Jahre eigene Strukturen vernachlässigt habe. Diese Abhängigkeit schränke nun den politischen Handlungsspielraum ein.
Wirtschaft und Technologie
Neben der Sicherheit nennt die Rheinische Post wirtschaftliche und digitale Risiken. Die exportorientierte Industrie, vor allem in Deutschland, reagiere sensibel auf Zolldrohungen. Zudem sei Europas digitale Infrastruktur stark von US-Konzernen abhängig, etwa bei Cloud-Diensten und Betriebssystemen.
Der Standard ordnet diese Lage als strategischen Wendepunkt ein. Europa verfüge zwar über Geld und Märkte, bündele diese aber bislang zu wenig. Mehr Koordination bei Verteidigung, gezielte Investitionen in Technologie und Energie sowie neue Handelsbeziehungen seien notwendig, um politischen Spielraum zurückzugewinnen.
Kanada als Option
Der Deutschlandfunk verweist auf Kanada als möglichen Faktor bei der Suche Europas nach größerer Unabhängigkeit.
Mark Carney stellte in Davos einen dauerhaften Bruch mit der alten Weltordnung fest und warb dafür, neue Allianzen unter gleichgesinnten Staaten aufzubauen, zu denen er auch europäische Länder zählte.
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Der Sender verweist auf bestehende Kooperationen wie das Handelsabkommen CETA und auf eine engere Zusammenarbeit bei Verteidigung. Ziel sei es, Abhängigkeiten von den USA zu verringern, ohne neue Blockkonflikte zu schaffen.
Am Ende steht Europa vor einer strategischen Gratwanderung: Die USA bleiben zentral, doch ohne Alternativen wird politische Eigenständigkeit zur Illusion.
Quellen: Rheinische Post, Der Standard, Tagesschau (ARD), Deutschlandfunk