Grönland ist zu einem Sinnbild für den Wandel der internationalen Ordnung geworden. Machtfragen, brüchige Bündnisse und neue geopolitische Spielräume prägen die Debatte um die arktische Insel. Dabei richtet sich der Blick zunehmend auch auf China.
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Aus Sicht Pekings zeigen die jüngsten Vorstöße von Donald Trump vor allem, wie instabil das westliche Bündnissystem geworden ist. Das analysiert The Guardian in einem Beitrag der China-Korrespondentin Amy Hawkins. In China würden Trumps Aussagen als weiteres Beispiel eines dominanten und einschüchternden Auftretens der USA verstanden.
Professor an der Renmin-Universität in Peking Wang Wen sagte dem Guardian, viele Chinesen betrachteten ein mögliches Auseinanderdriften der Nato nicht mit Sorge, sondern als strategischen Vorteil. Ein geschwächtes Bündnis würde Chinas Position im globalen Machtgefüge indirekt stärken.
Andrew Small vom Europäischen Rat für Auswärtige Beziehungen erklärte gegenüber dem Guardian, Chinas zentrales Interesse liege weniger bei Grönland selbst als beim möglichen Zerfall westlicher Allianzen, die bislang als Gegengewicht zu Pekings Aufstieg fungierten.
Chinas langer Atem
Die taz zeigt jedoch, dass China schon seit Jahren konkrete Interessen in der Arktis verfolgt. Mehrfach versuchten chinesische Staatsunternehmen, sich an Bergbauprojekten in Grönland zu beteiligen oder den Ausbau von Flughäfen zu finanzieren.
Solche Projekte wurden lange als wirtschaftlich oder wissenschaftlich motiviert dargestellt. Nach Darstellung der taz handelt es sich dabei aber um Infrastruktur, die im Ernstfall auch militärisch genutzt werden könnte und daher sicherheitspolitisch relevant ist.
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Uneinigkeit in der Forschung
Ob China tatsächlich eine neue globale Führungsrolle anstrebt, ist unter Experten umstritten. Eine von der taz zitierte Studie von David C. Kang und weiteren Politikwissenschaftlern kommt zu dem Schluss, dass Peking nicht darauf abziele, die USA als Weltmacht zu verdrängen, sondern eine friedliche Koexistenz anstrebe.
Kritisch sieht das der China-Forscher Steve Tsang von der Londoner School of Oriental and African Studies. Er sagte der taz: „Wir müssen klar unterscheiden: China möchte zwar nicht die USA als globalen Hegemon ersetzen. Aber Xi bemüht sich, die liberale internationale Ordnung umzugestalten – in eine sinozentrische Weltordnung, in der China die herausragende Weltmacht darstellt.“
Macht und Grenzen
Wie weit Chinas Anspruch reicht, zeigt laut taz das Vorgehen im Südchinesischen Meer, wo internationale Gerichtsurteile ignoriert und militärische Fakten geschaffen wurden. Auch der Anspruch auf Taiwan gehört zu diesem strategischen Selbstverständnis.
Gleichzeitig macht die Guardian-Analyse deutlich, dass Chinas Einfluss in Grönland begrenzt bleibt. Mehrere Projekte wurden von Dänemark und den USA gestoppt, chinesische Investitionen sind heute gering.
Grönland ist für Peking daher weniger ein konkretes Ziel als ein Prüfstein für eine Weltordnung im Wandel.
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Quellen: The Guardian, taz