Moderne Sättigungstauchgänge unterliegen heute strengen technischen und regulatorischen Kontrollen, die vor vier Jahrzehnten größtenteils noch fehlten. Viele dieser Sicherheitsvorkehrungen lassen sich auf einen einzelnen Fall zurückführen, auf den norwegische Behörden und Sicherheitsgremien bis heute verweisen, wenn sie erklären, warum Drucksysteme so ausgelegt sein müssen, dass sie sicher versagen.
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Der betreffende Fall ist die Byford-Dolphin-Katastrophe von 1983, die heute weniger als isolierter Unfall gilt, sondern vielmehr als Katalysator für branchenweite Reformen.
Norwegische öffentliche Untersuchungsberichte zeigen, dass das Unglück eine sofortige Überprüfung der Offshore-Tauchstandards durch staatliche Stellen auslöste, darunter auch Aufsichtsbehörden mit Zuständigkeit für die Sicherheit im Erdölsektor.
Später im Jahr 1983 formalisierte die maritime Klassifikationsgesellschaft Norske Veritas eine Vorschrift, wonach Verbindungen zwischen Taucherglocke und Druckkammer mechanisch unmöglich zu öffnen sein müssen, solange sie unter Druck stehen.
Sicherheitsexperten argumentierten seither laut The Mirror, dies habe einen entscheidenden Wandel markiert: weg von der Abhängigkeit von Verfahren und mündlicher Abstimmung hin zu fest eingebauten physischen Barrieren, die menschliches Versagen verhindern sollen.
Der Fall Byford Dolphin
Die halbtauchfähige Plattform bohrte im norwegischen Sektor der Nordsee, als am 5. November 1983 sechs Männer an einem Sättigungstauchgang beteiligt waren.
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Laut der offiziellen Untersuchung lebten vier Taucher in Druckkammern mit einem Druck von etwa neun Atmosphären, während zwei Tender außerhalb bei Normaldruck arbeiteten.
Unterlagen zufolge verfügte das 1975 gebaute Tauchsystem weder über Verriegelungen noch über externe Druckanzeigen oder andere Ausfallsicherungen, die später als unverzichtbar galten.
Die Ermittler kamen später zu dem Schluss, dass eine Klemme, die den Verbindungsschacht zwischen Taucherglocke und Kammern abdichtete, zu früh geöffnet wurde und innerhalb von Sekundenbruchteilen einen explosionsartigen Druckverlust verursachte.
Das American Journal of Forensic Medicine and Pathology führte die Todesfälle auf die rasche Bildung von Gasblasen im Blutkreislauf sowie auf extreme innere Kräfte zurück, die durch den plötzlichen Druckunterschied entstanden.
Um das Ausmaß dieser Kräfte zu verdeutlichen, verwiesen Pathologen in ihrem Bericht auf schwere körperliche Verletzungen, darunter eine Passage mit der Feststellung:
„Die Kopfhaut mit langem, blondem Haar war vorhanden, doch der obere Teil des Schädels und das Gehirn fehlten. Die Weichteile des Gesichts wurden jedoch vollständig von den Knochen getrennt aufgefunden.“
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Die Ermittler nutzten diese Beschreibung als technisches Beweismittel für Dekompressionseffekte und nicht als erzählerisches Detail.
Rechtliche und politische Folgen
Im Jahr 2008 beauftragte das norwegische Arbeitsministerium nach erneutem Druck durch Angehörige und die North Sea Divers Alliance eine weitere unabhängige Überprüfung.
Dieser Prozess trug zu einer Entschädigungsregelung bei, die von der norwegischen Regierung genehmigt und 26 Jahre nach den Todesfällen umgesetzt wurde.
Während der erneuten Prüfung sagte Clare Lucas, die Tochter des Tauchers Roy Lucas:
„Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass die norwegische Regierung meinen Vater ermordet hat, weil sie wusste, dass mit einer unsicheren Dekompressionskammer getaucht wurde.“
Moderne Sättigungssysteme stützen sich heute auf mehrere automatisierte Verriegelungen, redundante Sensoren und eine klarere regulatorische Aufsicht, die darauf ausgelegt sind, subjektive Entscheidungen in kritischen Momenten auszuschließen.
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Gewerkschaftsvertreter erklärten später, der Fall Byford Dolphin zeige, wie langsam sich die Sicherheit im Offshore-Bereich entwickeln könne – oft erst nach langjährigem Druck.
Heute gilt der Vorfall als regulatorische Fallstudie und zeigt, wie ein einzelnes Versagen den Umgang einer ganzen Branche mit Risiken neu geprägt hat.
Quellen: The Mirror; norwegische öffentliche Untersuchungsberichte (1984, 2008); The American Journal of Forensic Medicine and Pathology; Sicherheitsstandards von Norske Veritas