Europa sucht Ausweg aus der Abhängigkeit von US-Zahlungsriesen.
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Die Dominanz amerikanischer Zahlungsanbieter rückt in Europa zunehmend ins Zentrum strategischer Debatten. Banken und Notenbanken fürchten, dass geopolitische Spannungen finanzielle Abhängigkeiten sichtbar machen könnten.
Sowohl in London als auch in Brüssel laufen daher Initiativen, um eigene Alternativen zu Visa und Mastercard aufzubauen.
Geopolitisches Risiko
Wie The Guardian berichtet, wollen führende britische Bankmanager in dieser Woche erstmals konkret über den Aufbau eines nationalen Kartensystems beraten.
Hintergrund sind laut der Zeitung wachsende Sorgen, US-Präsident Donald Trump könnte im Falle politischer Konflikte Druck auf amerikanische Zahlungsnetzwerke ausüben.
Rund 95 Prozent aller Kartenzahlungen im Vereinigten Königreich laufen demnach über Visa und Mastercard, wie der britische Payment Systems Regulator 2025 feststellte.
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Ein mit dem Projekt vertrauter Manager sagte gegenüber The Guardian: „Wenn Mastercard und Visa abgeschaltet würden, würde uns das in die 1950er-Jahre zurückversetzen.“ Er fügte hinzu: „Natürlich brauchen wir ein souveränes Zahlungssystem.“
Marktmacht und Abhängigkeit
Auch in der Eurozone ist die Abhängigkeit erheblich. Wie die Financial Times unter Berufung auf Daten der Europäischen Zentralbank berichtet, entfielen 2022 fast zwei Drittel aller Kartenzahlungen auf die beiden US-Konzerne.
Martina Weimert, Chefin der European Payments Initiative (EPI), sagte laut Financial Times: „Wir sind in hohem Maße von internationalen Zahlungslösungen abhängig.“ Und weiter: „Wenn wir sagen, dass Unabhängigkeit so entscheidend ist … dann müssen wir dringend handeln.“
Der frühere EZB-Präsident Mario Draghi warnte laut der Zeitung: „Tiefe Integration hat Abhängigkeiten geschaffen, die missbraucht werden könnten, wenn nicht alle Partner Verbündete sind.“
Private und staatliche Antworten
In Großbritannien soll laut The Guardian eine neue Gesellschaft mit dem Projektnamen „DeliveryCo“ entstehen. Banken aus der City sollen Struktur und Finanzierung vorbereiten, während die Bank of England technische Grundlagen entwickelt. Ein Start des Systems gilt dem Bericht zufolge bis 2030 als wahrscheinlich.
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Auf EU-Ebene startete die EPI bereits 2024 mit „Wero“ eine digitale Zahlungslösung, die nach eigenen Angaben 48,5 Millionen Nutzer in Belgien, Frankreich und Deutschland zählt, wie die Financial Times berichtet.
Parallel treibt die Europäische Zentralbank die Einführung eines digitalen Euro voran. EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone erklärte laut Financial Times: „Als europäische Bürger wollen wir vermeiden, dass Europa in eine Situation gerät, in der es übermäßig von Zahlungssystemen abhängig ist, die nicht in unserer Hand liegen.“
Weimert äußerte jedoch Zweifel am Tempo des Projekts: „Das Problem mit dem digitalen Euro ist, dass er erst in ein paar Jahren kommen wird, möglicherweise nach dem Ende der Amtszeit von [US-Präsident] Donald Trump. Ich denke daher, dass uns ein wenig die Zeit davonläuft“, sagte sie.
Ob nationale oder europäische Lösungen die strukturelle Dominanz amerikanischer Netzwerke tatsächlich brechen können, bleibt offen. Klar ist jedoch: Zahlungsverkehr wird zunehmend als Frage wirtschaftlicher Souveränität verstanden.
Quellen: Financial Times, The Guardian