In den Wäldern der russischen Region Twer stand einst auf einer abgelegenen Lichtung eine gewaltige Fiberglaskuppel, deren Ursprung unklar und deren Zweck umstritten war.
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In den Wäldern der russischen Region Twer stand einst auf einer abgelegenen Lichtung eine gewaltige Fiberglaskuppel, deren Ursprung unklar und deren Zweck umstritten war.
Fast vier Jahrzehnte lang zog das Bauwerk – schlicht als die Sphäre bekannt – Reisende, Musiker, Offroad-Enthusiasten und Verschwörungstheoretiker an. Im Jahr 2021 gab es schließlich nach und hinterließ nur noch Fragmente.
Das unabhängige Medium Takie Dela griff die Geschichte erneut auf, während Meduza eine gekürzte englische Fassung der Reportage veröffentlichte.
Theorien und Spekulationen
Die 18 Meter breite, hohle Kuppel tauchte Mitte der 1980er-Jahre in der Nähe von Dörfern außerhalb von Dubna auf, einer der russischen „Wissenschaftsstädte“.
Die Erklärungen variierten. Einige Einheimische glaubten, sie sei während Militärübungen per Hubschrauber abgeworfen worden. Andere vermuteten einen Zusammenhang mit Tests von Anti-Satelliten-Waffen oder sahen darin Teil einer sowjetischen Antwort auf die US-amerikanische Strategic Defense Initiative.
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Ein ehemaliger Mitarbeiter eines regionalen Planungsinstituts erklärte, das Verteidigungsministerium habe einst eine experimentelle Siedlung in der Nähe geplant und vorgesehen, die Kuppel als Erholungshalle zu nutzen. Der Ingenieur Leonid Simanskow beschrieb sie später als außer Dienst gestellte, funkdurchlässige Radarkuppel, die mit dem militärischen Forschungsbüro NPO Almas verbunden gewesen sei.
Auf Online-Karten wird die Lichtung noch immer als Ruine einer Kommando- und Flugbahn-Funkverbindungskuppel bezeichnet.
Ein Magnet für Besucher
Unabhängig von ihrer Herkunft entwickelte die Sphäre eine treue Anhängerschaft.
Mitte der 2000er-Jahre begannen Offroad-Fahrer, Ausflüge dorthin zu organisieren. Wanderer, Radfahrer und Camper folgten. „Es war ein Kultort“, sagte der Wanderorganisator Witali Balykin gegenüber Takie Dela. „Vor zehn Jahren musste man die Sphäre gesehen haben, wenn man nach Dubna fuhr.“
Besonders Musiker fühlten sich von der Akustik angezogen. Alexei Resnikow, damals Physikstudent, organisierte eine Großveranstaltung mit dem Titel Ein gewöhnliches Wunder: Eine Symphonie in der Sphäre. Die Künstler kombinierten Musik, Poesie und visuelle Kunst im widerhallenden Inneren der Kuppel.
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„Ich neige nicht zum Okkulten oder Mystischen“, sagte Resnikow. „Aber diese Sphäre … man kann kaum anders, als sie wie etwas Spirituelles zu behandeln. Auch wenn sie natürlich nur eine ganz gewöhnliche Radarkuppel ist.“
Beschädigung und Verschwinden
Mit der wachsenden Zahl an Besuchern nahm auch der Vandalismus zu. 2014 ritzten Mitglieder eines Motorradclubs ihren Namen in die Struktur, was bei Stammgästen Empörung auslöste.
Freiwillige versuchten, Aufräumarbeiten zu organisieren, doch die Fiberglasschale wurde allmählich instabil. Teile sanken in den sumpfigen Waldboden ein. Bis 2021 war die Kuppel gespalten und vollständig eingestürzt.
Einige Anwohner nutzten Fragmente für praktische Zwecke weiter. Andere behielten kleine Andenken als Erinnerung an das, was dort einst stand.
„Es war eine gute Sphäre“, sagte Lida, eine Anwohnerin. „Irgendwann wurde sie hierhergebracht, und dann haben sie sie kaputtgemacht.“
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Heute sind nur noch verstreute Scherben geblieben – Relikte eines Bauwerks, das für viele teils Wahrzeichen, teils Legende wurde.
Quellen: Meduza, Takie Dela