Politische Führungspersönlichkeiten greifen häufig auf die Vergangenheit zurück, um aktuelle Ziele zu untermauern. Im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine sind konkurrierende historische Darstellungen Teil eines weit größeren Ringens um Legitimität und Einfluss geworden.
Ein niederländischer Sicherheitsexperte hat davor gewarnt, dass Wladimir Putins Geschichtsinterpretation zu einem zentralen Instrument des Kremls geworden ist, um sein Vorgehen in der Ukraine zu rechtfertigen und die öffentliche Meinung auch über Russlands Grenzen hinaus zu beeinflussen.
Wie Ukrinform berichtet, äußerte sich Niels Drost vom Clingendael-Institut während einer Sicherheitskonferenz in Den Haag, auf der Politiker, Wissenschaftler und Studierende über die Herausforderungen diskutierten, vor denen Europa steht.
Veranstaltungen im Rahmen der Konferenz fanden auf dem Campus der Universität Leiden in Den Haag statt. Ein besonderer Schwerpunkt lag dabei auf der Rolle, die jüngere Generationen bei der Gestaltung der künftigen Sicherheitspolitik spielen werden.
Drost sagte gegenüber Ukrinform, Putin habe über Jahre hinweg eine historische Argumentation aufgebaut, die Russen und Ukrainer nicht als getrennte Nationen, sondern als Teile eines einzigen Volkes darstelle.
„Putin behauptet, die Ukrainer seien als ‚Kleinrussen‘ aufgrund einer tausendjährigen Geschichte Teil des größeren russischen Volkes“, sagte Drost.
Er argumentierte, dass diese Botschaft zu einem zentralen Bestandteil der Kreml-Position gegen die ukrainische Souveränität geworden sei.
Die Argumentation wurde über Jahre aufgebaut
Viele der von Drost hervorgehobenen Themen fanden sich bereits in einem umfangreichen Essay, den Putin 2021 auf der Website des Kremls veröffentlichte.
Der russische Präsident schrieb darin, dass „Russen und Ukrainer ein Volk – ein Ganzes“ seien, und stellte Russland, die Ukraine und Belarus als Nachfahren einer gemeinsamen historischen Zivilisation dar.
Der Essay zeichnete die politische Entwicklung vom mittelalterlichen Rus über das Russische Reich bis zur Sowjetunion nach und stellte zugleich die historischen Grundlagen der modernen ukrainischen Staatlichkeit infrage.
Putin argumentierte außerdem, dass die heutige Ukraine weitgehend durch Entscheidungen aus der Sowjetzeit geprägt worden sei, und bezeichnete eine enge Partnerschaft mit Russland als wesentlich für die zukünftige Entwicklung des Landes.
Für Drost ist das Verständnis dieser Behauptungen wichtig, weil sie nicht erst nach der Invasion entstanden seien. Der russische Präsident habe ähnliche Argumente über Jahre hinweg entwickelt und wiederholt.
Zunächst habe Putin die Nähe zwischen Russen und Ukrainern betont, erklärte Drost. Später habe er sie zunehmend als ein einziges Volk beschrieben, insbesondere nach der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014.
Ausländische Zielgruppen sind ebenfalls Teil der Strategie
Drost sagte, diese historischen Behauptungen richteten sich nicht nur an das heimische Publikum, sondern auch an Menschen in Europa und Nordamerika, die vergleichsweise wenig über die Geschichte der Region wüssten.
Als Beispiel verwies er auf Putins Interview mit Tucker Carlson, in dem der russische Präsident viel Zeit auf historische Ereignisse verwendete, bevor er auf aktuelle politische Fragen einging.
„Geschichte ist eine mächtige Waffe“, sagte Drost. „Putin nutzt sie, um die russische Gesellschaft zu mobilisieren und eine überzeugende Erzählung für die Außenwelt zu schaffen, die mit dieser Geschichte nicht vertraut ist.“
Dieser Ansatz könne wirksam sein, weil komplexe historische Argumentationen für ausländische Zuhörer ohne einen breiteren Kontext oft schwer zu beurteilen seien.
Dieselben historischen Quellen könnten jedoch auch eine völlig andere Schlussfolgerung stützen, nämlich dass die Ukraine durch ihre eigene politische Entwicklung entstanden sei und das Recht habe, als unabhängiger demokratischer Staat zu existieren, sagte Drost.
Hybrider Druck bleibt ein Sicherheitsrisiko
Der Forscher betonte, dass die Analyse von Putins historischen Behauptungen nicht mit deren Akzeptanz gleichgesetzt werden dürfe:
„Wir müssen verstehen, wie Putin die Geschichte verzerrt und sie als Waffe einsetzt. Verstehen bedeutet nicht rechtfertigen.“
Er fügte hinzu, dass viele Beamte und Analysten in Osteuropa seit Jahren davor gewarnt hätten, die Rhetorik des Kremls ernst zu nehmen. Ähnliche Warnungen seien auch von westlichen Geheimdiensten ausgesprochen worden, bevor Russland seine groß angelegte Invasion startete.
Neben militärischen Operationen verwies Drost auf Propagandakampagnen, Sabotageakte und Einflussoperationen als weiterhin bestehende Sicherheitsherausforderungen für Europa.
Quellen: Ukrinform; Kreml