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Blut, Blutegel und ein medizinischer Albtraum: Wie der Aderlass über Jahrhunderte überlebte

Bloodletting
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Über Jahrhunderte hinweg blieb eine medizinische Praxis Standard – trotz wachsender Zweifel an ihrer Wirksamkeit. Ihre lange Geschichte ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie medizinische Denkweisen fortbestehen können, selbst wenn sich das wissenschaftliche Verständnis weiterentwickelt.

Bevor es Thermometer, Labortests und moderne bildgebende Verfahren gab, mussten Ärzte Krankheiten oft anhand dessen beurteilen, was sie sehen konnten. Ein gerötetes Gesicht, Fieber oder Schwellungen konnten wie ein Überschuss an Blut wirken. Über Jahrhunderte hinweg schien dessen Entfernung daher eine Behandlung zu sein.

Der Aderlass überlebte im Wesentlichen deshalb, weil er Ärzten eine Handlungsmöglichkeit bot, wenn sie kaum etwas anderes anzubieten hatten.

Vor modernen Diagnoseverfahren sahen viele Krankheiten am Krankenbett ähnlich aus. Fieber, Schmerzen, Schwäche und Schwellungen konnten auf sehr unterschiedliche Erkrankungen hindeuten, doch Ärzte hatten oft keine zuverlässige Möglichkeit, sie voneinander zu unterscheiden.

Laut der Geschichtswebsite Historienet wurde die Methode bei Beschwerden eingesetzt, die von Asthma und Pest bis hin zu psychischen Erkrankungen und Verstopfung reichten.

Die Behandlung passte zudem gut zu der alten Vorstellung, dass Gesundheit von einem Gleichgewicht im Körper abhängt. Wenn Blut als Ursache des Problems erschien, wirkte es naheliegend, es abzulassen.

Dadurch blieb der Aderlass selbst dann überzeugend, wenn sich Patienten nicht erholten. Starb ein Patient, konnte dies darauf geschoben werden, dass die Krankheit bereits zu weit fortgeschritten war – und nicht auf die Behandlung selbst.

Für Ärzte, die in derselben Tradition ausgebildet worden waren, konnte Nichtstun gefährlicher erscheinen, als eine Vene zu öffnen.

Berühmte Patienten

Im Dezember 1799 erkrankte der ehemalige US-Präsident George Washington nach einem Ausritt bei kaltem, nassem Wetter an einer schweren Halsentzündung.

Historienet schreibt, dass seine Ärzte ihm mindestens 3,75 Liter Blut entnahmen. Als sich sein Zustand verschlechterte, soll Washington sie aufgefordert haben aufzuhören, doch der Schaden war bereits angerichtet. Er starb noch am selben Abend.

Der Fall gilt als eines der bekanntesten Beispiele für die Gefahren des Aderlasses, weil Washington nicht von Laien behandelt wurde. Er wurde von Ärzten betreut, die im Einklang mit dem damals anerkannten medizinischen Denken handelten.

Auch König Karl II. wurde nach seiner Erkrankung im Jahr 1685 wiederholt zur Ader gelassen. Nach Angaben des Oxford Centre for Evidence-Based Medicine beschleunigten seine Ärzte seinen Tod vermutlich.

Der König war von zahlreichen Ärzten umgeben, doch ihre Anzahl machte die Behandlung nicht sicherer. Stattdessen wurde seine Krankheit zu einer Abfolge dringlicher medizinischer Eingriffe, von denen jeder als weitere Chance verstanden wurde, sein Leben zu retten.

Seine Behandlung zeigte, wie ein hoher gesellschaftlicher Status das Risiko medizinischer Eingriffe erhöhen konnte. Ein königlicher Patient zog mehr Ärzte, größere Dringlichkeit und stärkeren Druck nach sich, weiterhin etwas zu unternehmen.

Bei mächtigen Patienten konnte die medizinische Aufmerksamkeit unerbittlich werden. Je ernster der Fall erschien, desto entschlossener waren die Ärzte zu handeln – selbst wenn ihre Maßnahmen den Patienten weiter schwächten.

Eine alte Theorie

Die Vorstellung beruhte auf dem Glauben, dass Krankheiten durch ein Ungleichgewicht der Körpersäfte entstehen.

In diesem System war Blut nur ein Teil einer umfassenderen Erklärung. Gesundheit hing vom richtigen Gleichgewicht zwischen Blut, Schleim, gelber Galle und schwarzer Galle ab, und Krankheit bedeutete, dass dieses Gleichgewicht gestört war.

Selbst nachdem William Harvey 1628 nachgewiesen hatte, dass das Herz das Blut durch den Körper pumpt, hielten viele Ärzte an den älteren Lehren fest.

Dieser Widerstand war keineswegs ungewöhnlich. Medizinische Ausbildung, berufliche Gewohnheiten und der Druck, handeln zu müssen, trugen dazu bei, dass der Aderlass noch lange angewendet wurde, nachdem erste Zweifel aufgekommen waren.

Hinzu kam ein praktisches Problem: Es war in einer Zeit ohne kontrollierte Studien schwierig nachzuweisen, dass eine vertraute Behandlung nicht wirkte. Erholte sich ein Patient, konnte der Aderlass gelobt werden. Starb der Patient, wurde die Krankheit verantwortlich gemacht.

Im 19. Jahrhundert wurde der Aderlass unter anderem mit sogenannten Skarifikatoren durchgeführt – kleinen Geräten mit federbelasteten Klingen.

Diese Instrumente machten den Eingriff schneller und einheitlicher, aber nicht unbedingt sicherer. Sie spiegelten eine Zeit wider, in der die Medizin technisch fortschrittlicher wurde und dennoch an alten Vorstellungen über den Körper festhielt.

Blutegel verlieren an Bedeutung

Blutegel wurden Teil derselben medizinischen Kultur. Nach Angaben des Institute of Biomedical Science importierte Frankreich in den 1830er-Jahren rund 40 Millionen Blutegel.

Sie wurden auf die betroffenen Körperstellen gesetzt, um Blut langsamer zu entziehen als durch eine geöffnete Vene. Für Ärzte, die Fieber und Entzündungen mit einem Blutüberschuss in Verbindung brachten, erschien diese Methode kontrolliert und sinnvoll.

Blutegel boten zudem eine Art Präzision, die der gewöhnliche Aderlass nicht besaß. Ärzte konnten sie in der Nähe einer Wunde, Schwellung oder schmerzenden Stelle ansetzen und glauben, das Problem direkt an seinem Ursprung zu behandeln.

Ihre Beliebtheit zeigte, wie flexibel die alte Vorstellung geworden war. Ob Blut mit einer Klinge, einem Schröpfkopf oder einem Blutegel entnommen wurde – das Ziel blieb dasselbe: den Körper von etwas zu befreien, von dem Ärzte glaubten, dass er es nicht gefahrlos behalten könne.

Mit den Fortschritten in Pathologie, Diagnostik und Keimtheorie verlor die Methode zunehmend an Bedeutung. Ärzte gewannen nach und nach bessere Erklärungen für Infektionen, Entzündungen und Krankheiten.

Je besser diese Erklärungen wurden, desto mehr verlor der Aderlass seinen Platz als Standardantwort auf nahezu jede Beschwerde. Es wurde zunehmend schwieriger zu rechtfertigen, einem bereits geschwächten Patienten Blut zu entnehmen, wenn Krankheiten deutlich spezifischer verstanden werden konnten.

Heute wird eine kontrollierte Blutentnahme nur noch bei bestimmten Erkrankungen wie Hämochromatose und Polycythaemia vera eingesetzt – nicht mehr als Allheilmittel.

Für viele Patienten früherer Zeiten ging die Gefahr nicht nur von der Krankheit aus. Sie ging von der Behandlung selbst aus.

Quellen: Historienet, Oxford Centre for Evidence-Based Medicine, Institute of Biomedical Science