Die britische Regierung hat Pläne für neue Maßnahmen zum Schutz von Jugendlichen im Internet vorgestellt. Die Vorschläge würden verändern, wie große Plattformen nachts funktionieren, und Technologieunternehmen neue Pflichten auferlegen.
Soziale Medien, die von 16- und 17-Jährigen im Vereinigten Königreich genutzt werden, könnten nach den Plänen der Regierung den Zugang zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens einschränken. Ziel ist es, die Nutzung zu später Stunde zu reduzieren.
Anders als bei einem vollständigen Verbot würde die nächtliche Beschränkung als Standardeinstellung gelten, die Kontoinhaber selbst deaktivieren könnten. Die Minister wollen außerdem, dass Plattformen für diese Altersgruppe Funktionen wie die automatische Wiedergabe und endloses Scrollen entfernen. Sie argumentieren, diese Änderungen könnten dazu beitragen, Beeinträchtigungen durch übermäßige Nutzung zu verringern, schreibt die BBC.
Der Vorschlag ist bei Menschen auf Kritik gestoßen, die strengere Einschränkungen für notwendig halten. Ellen Roome, deren 14-jähriger Sohn Jools Sweeney 2022 nach einer mutmaßlichen Online-Challenge starb, sagte in der Sendung Today von BBC Radio 4, der Vorschlag sei „nicht ausreichend“, da Jugendliche die Einstellung einfach deaktivieren könnten.
Nach Angaben der Regierung sind die Maßnahmen Teil umfassenderer Bemühungen, die Sicherheit im Internet zu verbessern. Die Pläne sind unabhängig von einem zuvor angekündigten Verbot, das mehrere soziale Medien für Kinder unter 16 Jahren betrifft.
Apps oder Geräte: Wer soll die Regeln durchsetzen?
Ein zentraler Bestandteil der Debatte ist die Frage, ob die Verantwortung bei den einzelnen Plattformen oder bei den Geräten liegen sollte, über die auf sie zugegriffen wird.
Meta hat bereits argumentiert, dass die Altersüberprüfung auf Geräteebene erfolgen sollte, anstatt jedes Social-Media-Unternehmen zur Entwicklung eines eigenen Systems zu verpflichten.
Der britische Sender berichtet außerdem, dass Apple gerätebasierte Alterskontrollen für Nutzer von iPhones und iPads eingeführt hat, auf denen die neueste Version des Betriebssystems installiert ist.
Befürworter von Maßnahmen auf Geräteebene argumentieren, dass ein einziges Überprüfungssystem für mehrere Dienste gelten könnte. Dadurch müssten Nutzer und Unternehmen denselben Vorgang nicht in verschiedenen Apps wiederholen.
Baroness Beeban Kidron, britische Filmemacherin, unabhängiges Mitglied des House of Lords und prominente Aktivistin für die Sicherheit von Kindern im Internet, erklärte, der Schwerpunkt solle nicht darauf liegen, junge Menschen von der Nutzung von Technologie abzuhalten. Stattdessen müsse verhindert werden, dass Unternehmen sie schädlichen digitalen Funktionen aussetzen.
Die Regierung erklärte außerdem, sie wolle Anbieter von KI-Chatbots dazu verpflichten, Schutzmaßnahmen für unter 18-Jährige einzuführen, darunter regelmäßige Pausen während der Nutzung. Nach Angaben von Regierungsvertretern sollen diese Schritte umfassenderen Bedenken darüber Rechnung tragen, wie junge Menschen mit digitalen Diensten umgehen.
Experten warnen vor unbeabsichtigten Folgen
Einige Fachleute bezweifeln, dass eine nächtliche Beschränkung ohne negative Folgen für Jugendliche bleibt, die Online-Plattformen zur Unterstützung nutzen.
Professor Sonia Livingstone, Expertin für die digitalen Rechte von Kindern an der London School of Economics, erklärte, Einschränkungen für nächtliche Benachrichtigungen durch Unternehmen könnten sinnvoll sein. Sie warnte jedoch davor, dass eine vollständige Sperrung des Zugangs manche junge Menschen daran hindern könnte, vertrauenswürdige Hilfsangebote zu erreichen.
Die Kinderbeauftragte für England, Dame Rachel de Souza, sagte, junge Menschen müssten angehört werden. Viele von ihnen wollten kein vollständiges Verbot, wohl aber Schutz vor Funktionen wie endlosem Scrollen.
Auch die Molly Rose Foundation kritisierte den Ansatz der Regierung als unvollständig. Die Organisation argumentierte, dass die Sicherheit von Kindern im Internet eine umfassendere Strategie erfordere und nicht durch einzelne Ankündigungen gewährleistet werden könne.
Die Regierung will die Vorschläge bis Ende 2026 dem Parlament vorlegen. Die Maßnahmen sollen im Frühjahr 2027 gemeinsam mit den geplanten Beschränkungen für soziale Medien für unter 16-Jährige in Kraft treten.
Die Regierung hat vorerst beschlossen, die Nutzung virtueller privater Netzwerke, sogenannter VPN-Dienste, nicht einzuschränken. Zur Begründung erklärte sie, diese könnten für den Schutz der Privatsphäre, für Minderheitengruppen und für Whistleblower wichtig sein. Untersuchungen der Regierung hätten nur wenige Hinweise darauf ergeben, dass eine große Zahl von Kindern VPN-Dienste nutze, um Alterskontrollen zu umgehen.
Quellen: BBC, The Molly Rose Foundation