Politische Rivalitäten verblassen oft, sobald Wahlen vorbei sind und Politiker weitermachen. Die Beziehung zwischen Donald Trump und Barack Obama hat jedoch einen anderen Verlauf genommen und sich über mehr als ein Jahrzehnt amerikanischer Politik erstreckt.
Seit Jahren nimmt Barack Obama einen besonderen Platz in Donald Trumps politischer Rhetorik ein.
Lange nachdem Obama das Weiße Haus verlassen hat, zieht Trump ihn weiterhin in Debatten über Ermittlungen, Außenpolitik, Wahlen und die Zukunft des Landes hinein.
Dieses Muster wurde im Laufe der Jahre von zahlreichen Nachrichtenorganisationen dokumentiert, darunter Politico, The Guardian, die Los Angeles Times und die New York Times. Sie alle haben Trumps wiederholte Bezugnahmen auf seinen Vorgänger in verschiedenen Phasen seiner politischen Karriere festgehalten.
Die Beständigkeit dieser Angriffe hat politische Analysten, ehemalige Regierungsmitarbeiter und Kommentatoren zu derselben Frage veranlasst: Warum spielt Obama weiterhin eine so zentrale Rolle in Trumps öffentlicher Kommunikation?
Trump stellte Obamas Legitimität früh infrage
Die Beziehung zwischen den beiden Männern war bereits konfliktreich, lange bevor Trump ein Regierungsamt übernahm.
Wie The Guardian und die Los Angeles Times berichteten, wurde Trump zu einem der sichtbarsten Verfechter der falschen Behauptung, Obama sei nicht in den Vereinigten Staaten geboren worden. Die als „Birtherismus“ bekannte Verschwörungstheorie machte Trump während Obamas Präsidentschaft zu einer prominenten Figur in konservativen politischen Kreisen.
Jahrelang stellte Trump öffentlich Obamas Staatsbürgerschaft infrage, obwohl es keinerlei Belege für diese Behauptung gab.
Einen besonders öffentlichen Höhepunkt erreichte die Angelegenheit 2011 beim White House Correspondents’ Dinner.
Obama nutzte einen Teil seiner Rede, um Trumps Rolle bei der Verbreitung der Verschwörungstheorie zu verspotten.
„Niemand ist stolzer darauf, die Sache mit der Geburtsurkunde endlich abzuschließen, als ‚The Donald‘“, sagte Obama.
Später fügte er hinzu:
„Und genau solche Entscheidungen halten mich nachts wach.“
Das Publikum reagierte mit Gelächter, während Trump im Saal sitzen blieb.
Im Laufe der Zeit wurde dieses Dinner zu einer der meistdiskutierten Episoden in der Geschichte ihrer Rivalität. Kommentatoren und politische Beobachter verweisen immer wieder auf dieses Ereignis, wenn sie die Feindseligkeit untersuchen, die Trump in den folgenden Jahren gegenüber Obama zeigte.
Auch wenn sich nicht genau feststellen lässt, welchen Einfluss das Dinner persönlich auf Trump hatte, wurde es zu einem dauerhaften Bezugspunkt in Diskussionen über die Beziehung zwischen den beiden Männern.
Vorwürfe der Überwachung verschärften den Konflikt
Nachdem Trump 2017 ins Weiße Haus eingezogen war, blieb Obama ein häufiges Ziel seiner Angriffe.
In jenem Jahr beschuldigte Trump seinen Vorgänger, während des Präsidentschaftswahlkampfs Überwachungsmaßnahmen gegen ihn angeordnet zu haben.
Laut Politico wies Obamas Sprecher Kevin Lewis die Anschuldigung entschieden zurück.
„Eine grundlegende Regel der Obama-Regierung war, dass kein Mitarbeiter des Weißen Hauses jemals in unabhängige Ermittlungen des Justizministeriums eingegriffen hat“, sagte Lewis.
Er fügte hinzu:
„Jede gegenteilige Behauptung ist schlicht falsch.“
Auch der frühere Obama-Berater Ben Rhodes reagierte. Nachdem Trump angedeutet hatte, Anwälte könnten einen juristischen Fall konstruieren, der die Anschuldigung stütze, schrieb Rhodes:
„Nein. Das könnten sie nicht. Nur ein Lügner könnte das tun.“
Der Streit spiegelte ein breiteres Muster wider, das Trumps gesamte Präsidentschaft begleiten sollte. Obama wurde häufig als zentrale Figur in Kontroversen dargestellt, die Ermittlungen, Geheimdienste und Bundesbehörden betrafen.
Kritiker argumentierten, Trump nutze Obama selbst nach dessen Ausscheiden aus dem Amt weiterhin als politischen Gegner. Unterstützer hielten dagegen, Trump werfe berechtigte Fragen zu Handlungen von Regierungsvertretern während des Wahljahres 2016 auf.
Mit der Zeit verschärfte sich die Auseinandersetzung weiter.
„Obamagate“ wurde zum nächsten Brennpunkt
Im Jahr 2020 trat der Konflikt in eine neue Phase ein.
Wie The Guardian berichtete, begann Trump, eine umfassende Anschuldigung zu verbreiten, die unter dem Namen „Obamagate“ bekannt wurde. Dabei ging es um Behauptungen, Beamte der Obama-Regierung hätten Mitglieder von Trumps Wahlkampfteam und seines Übergangsteams unrechtmäßig ins Visier genommen.
Trump verwies in öffentlichen Auftritten und in sozialen Medien immer wieder auf den angeblichen Skandal.
Als Journalisten ihn jedoch baten zu erklären, welches konkrete Verbrechen Obama begangen haben solle, stellten Kritiker fest, dass er häufig keine klare Antwort geben konnte.
Ehemalige Regierungsmitarbeiter aus der Obama-Administration wiesen die Vorwürfe als unbegründet zurück.
Gleichzeitig widmeten konservative Medienpersönlichkeiten und Trump-Verbündete dem Thema große Aufmerksamkeit und argumentierten, Obama und seine ehemaligen Mitarbeiter verdienten eine intensivere Prüfung.
Laut der Los Angeles Times machten Trumps Angriffe Obama zunehmend zu einer zentralen Figur politischer Auseinandersetzungen, an denen er gar nicht direkt beteiligt war. Reporter beobachteten, dass Diskussionen über Joe Biden, Ermittlungen und die Zukunft der Demokratischen Partei Trump immer wieder zu Obama zurückführten.
Für Kritiker war dies Ausdruck einer ungewöhnlichen Fixierung. Für Unterstützer spiegelte es die Überzeugung wider, dass Entscheidungen aus der Obama-Ära weiterhin Einfluss auf aktuelle Entwicklungen hätten.
Kritiker sahen mehr dahinter
Trumps Kritik beschränkte sich nicht auf Ermittlungen oder politische Kontroversen.
Während seiner ersten Amtszeit versuchte er, viele der wichtigsten politischen Vorhaben der Obama-Regierung rückgängig zu machen.
Nach Berichten von The Guardian wurde der Abbau politischer Maßnahmen aus der Obama-Ära zu einem wiederkehrenden Bestandteil von Trumps politischer Agenda.
Das Gesundheitswesen war eines der deutlichsten Beispiele.
Trump griff den Affordable Care Act wiederholt an und unterstützte Bemühungen, ihn zu ersetzen. Auch Umweltvorschriften aus Obamas Amtszeit wurden geändert oder abgeschafft.
Dasselbe Muster zeigte sich in der Außenpolitik.
Trump kritisierte wiederholt das unter der Obama-Regierung ausgehandelte Atomabkommen mit dem Iran und zog die Vereinigten Staaten später aus der Vereinbarung zurück.
Beobachter stellten fest, dass Obama häufig als Bezugspunkt für Trumps politische Argumentation diente. Statt lediglich seinen eigenen Ansatz darzustellen, formulierte Trump viele Themen bewusst im Gegensatz zu Entscheidungen seines Vorgängers.
Dadurch wurde Obama zu mehr als nur einem ehemaligen Präsidenten. Er wurde zum Symbol vieler politischer Maßnahmen und Institutionen, gegen die Trump argumentierte.
Psychologe sieht einen Statuskonflikt
Politische Erklärungen sind nicht die einzigen Deutungen, die angeboten wurden.
Der Psychologe Lucas Bean argumentierte in einer kürzlich auf YouTube veröffentlichten Analyse, dass Trumps wiederholter Fokus auf Obama durch Konzepte wie Statuskonkurrenz, Neid und Sündenbockmechanismen erklärt werden könne.
Beans Analyse stellt seine persönliche Interpretation dar und keine klinische Diagnose.
Nach seiner Auffassung spiegelt Obamas anhaltende Präsenz in Trumps Rhetorik mehr wider als gewöhnliche parteipolitische Meinungsverschiedenheiten. Bean argumentiert, Obama verkörpere Eigenschaften, mit denen Trump seit Jahren politisch und öffentlich konkurriere.
Seine Interpretation ähnelt Beobachtungen mehrerer Kommentatoren, die von großen Nachrichtenorganisationen interviewt wurden.
In The Guardian erklärte die frühere republikanische Kommunikationsdirektorin Tara Setmayer, Trump scheine auf Obamas anhaltende Popularität und seinen Einfluss neidisch zu sein.
Trumps Biograf Michael D’Antonio äußerte gegenüber der Los Angeles Times eine ähnliche Einschätzung.
„Zwischen ihnen liegen so viele Unterschiede, dass man sich kaum zwei unterschiedlichere Präsidenten vorstellen kann“, sagte D’Antonio.
Eine weitere von The Guardian zitierte Quelle argumentierte, die weltweite Anerkennung, die Obama genieße, „zerfresse Trump innerlich“.
Nicht alle teilen diese Einschätzungen.
Einige Analysten argumentieren, Trumps wiederholte Verweise auf Obama seien eher als politische Strategie denn als Ausdruck persönlicher Psychologie zu verstehen. Sie weisen darauf hin, dass Obama nach wie vor zu den bekanntesten und einflussreichsten Persönlichkeiten der Demokratischen Partei gehört und daher ein wirksames Ziel republikanischer Botschaften darstellt.
Obama reagiert nur selten direkt
Ein bemerkenswertes Merkmal dieser Rivalität ist die unterschiedliche Art und Weise, wie die beiden Männer damit umgegangen sind.
Trump hat Obama in Reden, Interviews und Beiträgen in sozialen Medien wiederholt namentlich erwähnt, während Obama sich meist zurückhaltender verhielt.
Obwohl er Trumps Verhalten und Politik kritisierte, vermied er es häufig, auf einzelne Angriffe direkt zu reagieren.
Eines der bekanntesten Beispiele ereignete sich im Jahr 2020.
Nachdem Trump tagelang Vorwürfe im Zusammenhang mit „Obamagate“ verbreitet hatte, reagierte Obama schließlich mit einem einzigen Wort in den sozialen Medien:
„Wählt.“
Ehemalige Obama-Mitarbeiter erklärten gegenüber der Los Angeles Times, er habe Trumps politische Beweggründe verstanden, aber keinen Anlass gesehen, sich auf jede Konfrontation einzulassen.
Dieser Unterschied im Umgang mit dem Konflikt wurde Teil des öffentlichen Bildes beider Männer.
Trump personalisierte Auseinandersetzungen häufig und stellte Gegner namentlich heraus. Obama formulierte seine Kritik häufiger im Hinblick auf Institutionen, demokratische Normen und politische Inhalte.
Der Kontrast verstärkte die Wahrnehmung, dass die beiden Männer sehr unterschiedliche Führungs- und Kommunikationsstile verkörpern.
Trump kommt immer wieder auf Obama zurück
Es gibt praktische politische Gründe dafür, dass Obama für Trump weiterhin relevant bleibt.
Obama wird nach wie vor mit wichtigen Erfolgen der Demokraten in Verbindung gebracht, darunter die Gesundheitsreform sowie eine breitere Vorstellung von der Rolle des Staates, die Trump seit Jahren bekämpft.
Zudem zählt Obama weiterhin zu den beliebtesten Persönlichkeiten der modernen demokratischen Politik.
Deshalb kann Kritik an Obama mehrere Ziele gleichzeitig erfüllen. Sie ermöglicht Trump, demokratische Politik anzugreifen, seine Anhänger zu mobilisieren und kulturelle sowie politische Debatten wieder aufzugreifen, die seine Bewegung seit Jahren prägen.
Laut der Los Angeles Times trug diese Dynamik dazu bei, dass Obama auch dann präsent blieb, als er weder Kandidat noch Amtsinhaber war.
Mehr als neun Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Weißen Haus greift Trump noch immer auf Obamas Namen zurück, wenn er über Ermittlungen, Gesundheitswesen, Wahlen und seine eigene politische Bilanz spricht.
Nur wenige ehemalige Präsidenten sind so lange ein derart sichtbarer Bestandteil der Rhetorik ihres Nachfolgers geblieben.
Ob als Strategie, Rivalität, politische Markenbildung oder etwas Persönlicheres betrachtet – dieses Muster hat Wahlkämpfe, Präsidentschaften und wechselnde politische Umstände überdauert.
Und solange Trump Obama weiterhin in zentrale politische Debatten einbezieht, dürfte ihre Beziehung eines der meistdiskutierten Kapitel der modernen amerikanischen Politik bleiben.
Quellen: Politico, The Guardian, Los Angeles Times, The New York Times, Lucas-Bean-Video auf YouTube.
