Frühes Aufstehen gilt im Netz als Schlüssel zu Erfolg und Selbstoptimierung. Wer seinen Tag vor Sonnenaufgang beginnt, soll mehr leisten und besser leben. Doch Schlafexperten warnen: Der Trend greift zu kurz.
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Denn die Debatte über den Wecker um 5 Uhr verdeckt ein größeres Problem. Viele Menschen kämpfen bereits mit chronischem Schlafmangel – unabhängig davon, wann sie aufstehen.
Ein unterschätztes Defizit
In Deutschland schläft ein Großteil der Erwerbstätigen weniger als nötig. Eine Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK aus dem Jahr 2024 zeigt, wie Focus Online berichtet, dass 60 Prozent der Befragten unter der Woche nicht genug Schlaf bekommen. Jeder Zweite fühlt sich bei der Arbeit regelmäßig erschöpft.
Die Folgen reichen weit über Müdigkeit hinaus. Dauerhafter Schlafmangel erhöht laut Forschung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ein geschwächtes Immunsystem, Depressionen und Demenz.
Vor diesem Hintergrund wirken Social-Media-Ratschläge zum radikalen Frühaufstehen auf Fachleute wie eine gefährliche Vereinfachung.
Deutliche Warnungen
Der US-Schlafmediziner Michael Breus äußerte sich dazu ungewöhnlich scharf. „Der Trend, morgens um 5 Uhr aufzuwachen, ist das zweitblödeste, was ich seit langem gehört habe“, sagte er gegenüber Wall Street Journal, wie Focus Online berichtet. Nur ein anderer viraler Schlaftrend sei noch unsinniger: das Schlafen mit zugeklebtem Mund.
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Breus betont, dass viele Menschen biologisch nicht für solche Zeiten gemacht seien. „Wenn Sie eine Nachteule sind, Sachen erledigen wollen und versuchen, um 5 Uhr früh aufzustehen, werden Sie eine Woche durchhalten, aber dann resignieren und depressiv.“
Schlaf ist kein Gegner
Auch Russell Foster, Professor für zirkadiane Neurowissenschaften an der Universität Oxford, hält wenig davon, Schlaf zu disziplinieren. „Schlaf wird als etwas angesehen, das unterworfen werden muss, obwohl er eigentlich nur wie ein Teddybär umarmt werden sollte“, sagte er dem Wall Street Journal, wie Focus Online berichtet.
Entscheidend sei weniger die Uhrzeit als die Frage, ob sie zum eigenen inneren Rhythmus passe. Wer morgens nur schwer in Gang kommt, ohne Kaffee nicht leistungsfähig ist oder am Wochenende deutlich länger schläft, lebt vermutlich gegen seinen Chronotypen.
Biologie trifft Alltag
Die Schlafforschung unterscheidet grob zwischen Lerchen, Eulen und der großen Gruppe dazwischen. Nach Angaben von Breus zählen 55 bis 65 Prozent der Menschen zu den sogenannten Bären, deren Leistungsphasen sich grob am Tageslicht orientieren.
Gerade diese Mehrheit gerät im Berufsleben oft unter Druck. Früh beginnende Arbeitszeiten, lange Pendelwege und starre Strukturen kollidieren mit dem natürlichen Schlafrhythmus.
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Statt immer früher aufzustehen, raten Experten zu realistischeren Anpassungen: morgens Tageslicht nutzen, Koffein und Alkohol am Nachmittag meiden und körperliche Aktivität eher in die erste Tageshälfte legen.
Quellen: Focus Online, Wall Street Journal