Die Größe eines Landes entspricht nicht immer dem Ausmaß seines Einflusses. Klimapolitik verbreitet sich über Märkte, Technologien, Bündnisse und Vorbilder.
Das Argument klingt auf den ersten Blick pragmatisch. Ein Land verursacht nur einen kleinen Teil der weltweiten Emissionen – warum sollte es also schneller handeln als die größten Verursacher?
The Guardian berichtet, dass Politiker im Vereinigten Königreich, in Australien, Deutschland und Italien Varianten dieses Arguments genutzt haben, um ehrgeizigere Klimaschutzmaßnahmen infrage zu stellen. Zudem schreibt die Zeitung, dass China, die Vereinigten Staaten und Indien zusammen für etwas mehr als die Hälfte der heutigen fossilen Kohlendioxidemissionen verantwortlich sind.
Doch der Rest der Welt ist keineswegs unbedeutend. Hunderte kleinere Anteile summieren sich auf fast die Hälfte der jährlichen Emissionen.
Hinzu kommt die historische Verantwortung. Viele wohlhabende Staaten verdanken ihren Wohlstand Jahrzehnten kohlenstoffintensiven Wachstums. Ihr heutiger jährlicher Emissionsanteil mag vergleichsweise gering erscheinen, doch ihre historischen Emissionen und ihre finanzielle Leistungsfähigkeit stehen weiterhin im Mittelpunkt der Debatte.
Professor Piers Forster, Klimawissenschaftler an der University of Leeds, sagte der Zeitung:
„Die künftige Erwärmung wird von den künftigen Emissionen bestimmt. Deshalb wird jede Tonne Kohlendioxid, deren Ausstoß ein Land oder ein einzelner Mensch vermeiden kann, die Temperaturentwicklung und die Auswirkungen von Hitzewellen für kommende Generationen verbessern.“
Der Erfolg der Windenergie zeigt, wie sich Technologien verbreiten
Der Dänische Klimarat vertritt die Auffassung, dass die Rolle eines Landes im Klimaschutz auch danach beurteilt werden sollte, was es entwickelt, erprobt und exportiert. In einem Diskussionspapier wird die Windenergie als Dänemarks deutlichstes Beispiel genannt.
Die größte Wirkung ging nicht allein von den in Dänemark installierten Windkraftanlagen aus. Sie entstand durch Forschung, industrielle Erfahrung, Patente, Exportmärkte und praktisches Know-how, das auch andere Länder nutzen konnten.
Nun stellt sich die schwierigere Frage, ob Dänemark diesen Erfolg wiederholen kann.
Der Klimarat nennt Power-to-X als ein mögliches Zukunftsfeld. Power-to-X bezeichnet Technologien, die erneuerbaren Strom nutzen, um Wasserstoff und andere kohlenstoffarme Kraftstoffe für Bereiche herzustellen, die sich nur schwer direkt elektrifizieren lassen – darunter die Schwerindustrie, die Schifffahrt und die Luftfahrt.
Steigende internationale Investitionen dürften die weltweite Entwicklung dieser Technologien beschleunigen und damit den allgemeinen Wandel hin zu einer klimafreundlicheren Wirtschaft unterstützen. Gleichzeitig wird es für Dänemark dadurch schwieriger, eine ähnlich dominante Stellung aufzubauen, wie sie das Land einst im Bereich der Windenergie erreicht hat.
Nach Einschätzung des Klimarats wären langfristige Investitionen in Forschung, Entwicklung und Demonstrationsprojekte, moderne Testeinrichtungen, hochqualifizierte Fachkräfte sowie eine engere Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Unternehmen und Behörden erforderlich, wenn Dänemark erneut eine internationale Spitzenposition vergleichbar mit seiner langjährigen Führungsrolle in der Windenergie aufbauen möchte.
Öffentliche Vorbilder können andernorts zur Politik werden
Das Nachrichtenportal Zetland argumentiert, dass Dänemark nicht als isolierter Akteur im Klimaschutz betrachtet werden sollte, da sich Gewohnheiten, politische Maßnahmen und gesellschaftliche Normen häufig über Landesgrenzen hinweg verbreiten.
Die Fahrradkultur Kopenhagens ist dafür ein anschauliches Beispiel. Fahrradwege in einer einzelnen Stadt verändern die weltweiten Verkehrsemissionen nicht unmittelbar. Sie bieten anderen Städten jedoch ein funktionierendes Modell für Straßengestaltung, Pendelverhalten und sauberere urbane Mobilität.
Wenn Stadtplaner, Politiker oder Verkehrsbehörden nach Alternativen zu autoorientierten Straßen suchen, bietet Kopenhagen ein sichtbares Beispiel, das sie studieren, anpassen und in ihre eigenen Debatten einbringen können.
Die Wirkung ist nicht nur technischer Natur. Eine Stadt, in der das Fahrrad im Alltag weit verbreitet ist, verändert auch die Vorstellung davon, was als normal gilt. Sie zeigt, dass Radfahren keine Nischenaktivität sein muss, sondern für Berufstätige, Studierende, Eltern und ältere Menschen zu einem ganz gewöhnlichen Verkehrsmittel werden kann. Solche Beispiele können entscheidend sein, wenn andere Städte öffentliche Unterstützung für neue Infrastruktur gewinnen wollen.
Kampagnen gegen Lebensmittelverschwendung und eine fleischärmere Ernährung wirken auf ähnliche Weise. Ein lokaler Wandel kann bei Haushalten, Bürgerinitiativen oder Kampagnen beginnen und anschließend Supermärkte, Restaurants, Schulen und Investoren beeinflussen. Mit der Zeit kann individuelles Verhalten zu einem Marktsignal, einer Geschäftschance oder einer politischen Priorität werden.
Hier zeigt sich die Schwäche des Arguments, das allein auf den Emissionsanteil abstellt. Eine nationale politische Maßnahme oder gesellschaftliche Entwicklung mag zunächst nur geringe Auswirkungen auf die Emissionen haben, kann aber dennoch verändern, was andere Regierungen, Unternehmen oder Verbraucher für realistisch halten.
In diesem Sinne bemisst sich Dänemarks Einfluss nicht nur an den Tonnen Emissionen, die im eigenen Land vermieden werden, sondern auch daran, ob seine Entscheidungen vergleichbare Veränderungen andernorts erleichtern.
Die Europäische Union verändert den Maßstab
Die Tilburg University verdeutlicht diesen Gedanken der Zusammenarbeit am Beispiel der Niederlande. Professor Reyer Gerlagh erklärte, dass die niederländische Klimapolitik an Gewicht gewinnt, wenn sie mit europäischem Handeln verknüpft wird:
„Gemeinsam mit der EU können wir 27-mal mehr erreichen, als wenn jedes Land allein handelt.“
Diese Aussage ist eher politisch als mathematisch zu verstehen. Die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union verfügen nicht über den gleichen Einfluss, und nationale Interessen stehen häufig im Widerspruch zueinander. Dennoch können gemeinsame Regeln Märkte verändern, wie es kein kleiner Staat allein vermag.
Das EU-Emissionshandelssystem ist ein Beispiel für diese größere Reichweite. Ein nationaler Vorschlag oder eine erfolgreich erprobte politische Maßnahme kann Teil eines umfassenderen Rahmens für Industrie, Verkehr, Wärmeversorgung, Landwirtschaft oder Infrastruktur für saubere Energien werden.
Die Universität hob das niederländische Wassermanagement, die Integration von Solarenergie, Batteriespeicherung und grünem Wasserstoff hervor. Bewähren sich diese Systeme unter niederländischen Bedingungen, liefern sie Erkenntnisse, die andere Länder an ihre eigenen Gegebenheiten anpassen können.
Glaubwürdigkeit bleibt in der Klimadiplomatie entscheidend
Untätigkeit hat auch diplomatische Kosten. Eine wohlhabende Regierung, die erklärt, ihre Emissionen seien zu gering, um eine Rolle zu spielen, verliert an Glaubwürdigkeit, wenn sie größere Staaten zu mehr Klimaschutz auffordert.
Klimaverhandlungen beruhen ebenso auf Vertrauen wie auf Zahlen. Staaten, die von anderen mehr Ehrgeiz verlangen, stehen auf einer stärkeren Grundlage, wenn sie selbst schwierige Veränderungen vorweisen können.
Die nationale Klimapolitik bereitet Unternehmen zudem auf die Märkte der Zukunft vor. Strengere Klimavorschriften mögen umstritten sein, können Unternehmen jedoch dazu bewegen, sauberere Produkte zu entwickeln, bevor die weltweite Nachfrage vollständig einsetzt.
Die praktische Frage lautet nicht, ob das Vereinigte Königreich, Dänemark oder die Niederlande den Klimawandel allein lösen können. Das können sie nicht. Entscheidend ist vielmehr, ob ihre Entscheidungen die Emissionen im eigenen Land senken und zugleich Technologien, Regulierung und gesellschaftliche Gewohnheiten fördern, die auch anderswo leichter übernommen werden können.
Genau darin liegt der Hebel kleinerer Staaten: nicht als alleinige Retter, sondern als frühe Vorreiter in einem globalen System, in dem Länder einander beobachten, voneinander lernen und miteinander konkurrieren.
Quellen: The Guardian; Dänischer Klimarat; Zetland; Tilburg University.